Archiv für Dezember 2010

Gewerkschaftsvorsitzende in Bangladesch verhaftet

Die Proteste der Textilarbeiter_innen in Bangladesch hielten zunächst an, nachdem am 12. Dezember bei Demonstrationen vier Personen getötet worden waren und zwei Tage später bei einem Brand in einer Textilfabrik etwa 30 Arbeiter_innen ums Leben kamen.

Am Samstag, dem 11. Dezember, waren in der Hafenstadt Chittagong Arbeiter_innen auf die Straße gegangen, da ihnen der nach einer Protestwelle im Juli auf 3000 Taka (ungefähr 34 Euro) im Monat angehobene Mindestlohn nicht tatsächlich ausgezahlt worden war. Am Sonntag wurden dann bei Protesten Tausender in Chittagong vier Personen getötet und nach unterschiedlichen Angaben 100 bis 150 Menschen verletzt, als Sicherheitskräfte gewaltsam gegen die Protestierenden vorgingen. Auch in anderen Städten soll es Verletzte bei Demonstrationen gegeben haben.

In der Folge wurde Moshrefa Mishu, Vorsitzende der Gewerkschaft „Garment Workers Unity Forum“, in der Nacht zum 14. Dezember verhaftet. Außer dass ihr die Beteilung an verschiedenen Fällen von „Vandalismus“ bei Textilarbeiter_innenprotesten vorgeworfen wurde, habe sie, so die Polizei, „eine wesentliche Rolle bei den jüngsten Unruhen“ gespielt. Auch verfüge sie „über Verbindungen zu anderen Ländern, die mit Bangladesh im Bekleidungssektor konkurrieren“ und versuche, „den einheimischen Sektor zu zerstören“. Moshrefa Mishu wurde einige Tage später aufgrund schwerer gesundheitlicher Probleme in ein Krankenhaus verlegt, blieb aber weiterhin in Haft. Die Stellung einer Kaution wurde Ende Dezember von einem Gericht in Dhaka abgelehnt.

Bei einem Brand in den obersten Stockwerken einer zehnstöckigen Bekleidungsfabrik im Industriegebiet Ashulia nahe der Hauptstadt Dhaka kamen am 14. Dezember etwa 30 Menschen ums Leben und mehr als 100 wurden verletzt. Die Opferzahlen hätten tatsächlich deutlich höher ausfallen können, wären nicht viele der etwa 10.000 Beschäftigten der Fabrik gerade in der Mittagspause gewesen, als das Feuer ausbrach.

In Bangladesch sind rund drei Millionen Menschen in den Textilfabriken beschäftigt, die meisten von ihnen Frauen. Aufgrund der extrem geringen Löhne lassen dort auch zahlreiche westliche Bekleidungsketten produzieren.

Auch in Kambodscha streikten im Herbst dieses Jahres Zehntausende von Arbeiter_innen der Textilindustrie für eine Lohnerhöhung. Der Streik begann am 13. September mit 60.000 Beteiligten, aber gewann schnell an Bedeutung mit etwa 200.000 streikenden Arbeiter_innen zum Zeitpunkt seiner Beendigung.

Die Zeitung „The Daily Star“ berichtete noch am 23. Dezember, in Bangladesch hätten erneut Arbeiter_innen von drei Textilfabriken für die Erfüllung einer ganzen Reihe von Forderungen demonstriert. Selbst nach der Erhöhung des Mindestlohns reichen die in Bangladesch gezahlten Löhne kaum zum Überleben.

Quellen: Meldungen der Nachrichtenagenturen AFP, AP, Reuters sowie Artikel der Zeitung „The Daily Star“ vom 15.12.210, vom 23.12.2010 und vom 28.12.2010

Burkaträgerinnen und Hausarbeiterinnen

Da die Diskussionen über die oben erwähnten Bereiche (z.B. den der Verwandtschaft, der Ausbildung, Religion etc.) im Kontext einer relativen „Unterentwicklung“ der Dritten Welt geführt werden (was nicht weniger heißt, als ungerechtfertigterweise Entwicklung mit der vom Westen eingeschlagenen Entwick-lungsrichtung zu verwechseln und auch die direkte Machtausübung der Ersten Welt zu ignorieren), werden Dritte-Welt-Frauen als eine Gruppe oder Kategorie automatisch und notwendigerweise definiert als: religiös (sprich: „nicht fortschrittlich“), familienorientiert (sprich: „traditionell“), rechtlich minderjährig (sprich: „sie-sind-sich-ihrer-Rechte-immer-noch-nicht-bewußt“), analphabetisch (sprich: „dumm“), häuslich (sprich: „rückständig“) und manchmal revolutionär (sprich: „ihr-Land-befindet-sich-in-einem-Kriegszustand!“).
Chandra Talpade Mohanty: Under Western Eyes. Feminist Scholarship and Colonial Discourses. 19841

Während die Geschlechterverhältnisse in den europäischen Mehrheitsgesellschaften unvermutet egalitär geworden sind, gibt die Unterdrückung der Musliminnen offenbar Anlass zu offizieller Besorgnis, sodass sie beseitigt werden muss. Das könnte sich jedenfalls aus den wiederholten Debatten der vergangenen Jahre schließen lassen. Tatsächlich formuliert sich in den kulturalisierenden Diskursen um Geschlechterverhältnisse die (Neu-)Herausbildung einer europäischen Gemeinschaftsidentität: Kämpfe um Mobilität und Aufenthalt als Momente der Transformation europäischer Gesellschaften werden umgedeutet in „Kultur“, und die Muslima ist als „Andere“ zu einem im Inneren der Gesellschaften verorteten Außen geworden. Da als „geschlechtlich definierte Körper“ Frauen nicht nur als „biologische Produzentinnen“ sondern auch „als die kulturellen Symbole“ der herzustellenden Gemeinschaft sowie „als ‚Grenzposten’ ethnischer, nationaler und rassisch gesetzter Differenzierungen“ aufgefasst werden2, ist der Körper der Frau zum „Austragungsort“ europäischer Identitätskonstruktionen geworden.

„Dabei“, stellt in einem Interview zu der allgemein als „Burkaverbot“ bezeichneten Verbannung der Gesichtsverschleierung in Frankreich die Kulturwissenschaftlerin Gabriele Dietze fest, „verhält sich die ‚Grande Nation’ nicht viel anders als der imaginierte muslimische Patriarch: Beide machen Frauen zum Symbol ihres kulturellen Selbstverständnisses.“3 Für den Berliner Ex-Finanzsenator und mittlerweile Ex-Bundesbanker Thilo Sarrazin ist dagegen die Gemeinschaftsreproduktion gleich die biologische – unter anderem ursächlich für „den besonderen Kinderreichtum der muslimischen Migranten“ ist auch hier die „mangelhafte Emanzipation der Frauen“; „die in der Familie oft eingesperrten Frauen haben im Grunde ja kaum etwas anderes zu tun“4. Das „Projekt Sarrazin“ greift auf das gesamte biologistische Arsenal und die geschlechtliche Verweisung auf den Bereich der Lebensproduktion zurück; Frauen sind darin Gebärerinnen höher- oder niederwertiger ethnifizierter Gemeinschaften. Im Allgemeinen wiederholt allerdings die öffentliche Debatte zurzeit eher die Zuweisungen eines kulturalistischen Rassismus, um ahistorisierend Individuen und Kollektive mit unverrückbaren Eigenschaften zu belegen.

So hat die Diskussion um die Verschleierungsverbote dazu geführt, dass mittlerweile in Belgien und Frankreich (und in anderen europäischen Ländern teilweise auf kommunaler Ebene) Verbotsgesetze verabschiedet wurden – verboten wurde in beiden Ländern das Tragen gesichtsverhüllender Bekleidung im gesamten öffentlichen Raum, wobei neben Straßen, öffentlichen Verkehrsmitteln oder öffentlichen Einrichtungen auch ausdrücklich der Öffentlichkeit zugängliche Orte wie Geschäfte oder Restaurants eingeschlossen sind. Die Bezeichnung „Burkaverbot“ nimmt dabei, angesichts der in europäischen Ländern sehr seltenen Ganzkörperverschleierung durch die Burka bzw. der eher – wenn auch unwesentlich – häufigeren durch den arabischen Niqab, implizit die mediale Karriere der Burka im Kontext des Afghanistankriegs als „zivilisatorische Mission“ auf. Durch das damals unversehens entdeckte Interesse an der Befreiung der afghanischen Frau als Begründung für die Führung des war on terror ist die Burka im öffentlichen Gedächtnis präsent als Symbol für die andere unterdrückte Frau; als Subjekte waren und sind die Frauen dagegen uninteressant.

Allerdings erweisen sich die Anderen im europäischen Kontext vielfach als die „eigenen“. So ergaben Ermittlungsversuche in Dänemark und Frankreich nicht nur außerordentlich geringe Zahlen von Trägerinnen einer Ganzkörper- bzw. Gesichtsverschleierung (und insbesondere tatsächlicher Burka-Trägerinnen), sondern auch einen beträchtlichen Anteil „einheimischer“, d.h. abstammungsdänischer oder -französischer Konvertitinnen, die ihr neu erworbenes Bekenntnis – teilweise nicht ohne Vehemenz – nach außen tragen. Einem österreichischen Journalisten ist es bei einer Recherche (inklusive eines absurd anmutenden Selbstversuchs als Verschleierter) ebenfalls nur gelungen, mit zwei Niqab-Trägerinnen zu sprechen, die die Freiwilligkeit betonten.5

Dass die Verwehrung des Zugangs zum öffentlichen Raum für die Verschleierten „frauenbefreiend“ wirken soll, wenn die Verschleierung erzwungen ist, sofern es nicht darum gehen soll, „uns“ vor den Burka-Trägerinnen zu schützen, widerspricht ohnehin der Logik. Dennoch fanden sich auch hier einzelne BefürworterInnen eines „Burkaverbots“, die mit den Rechten der Frau argumentierten.
So machen die Debatten um eine „muslimisch-kulturbedingte“ Gewalt eher die Verwaltung von Gewaltverhältnissen deutlich, die von der Mehrheitsbevölkerung auf die Anderen verlagert und als überwunden reklamiert werden. Der lediglich selbstreferenzielle Diskurs bietet tatsächlich Gewaltbetroffenen, die auch nicht unbedingt in dieser Weise sichtbar sind, nicht nur keine Unterstützung: Strukturen wie Frauenhäusern wurden entgegen der Etablierung des Themas Geschlechtergewalt in der Öffentlichkeit in den letzten Jahren öffentliche Zuschüsse entzogen6, ohne dass Proteste dagegen nennenswert in den Medien präsent gewesen wären. Durch aufenthaltsrechtliche Restriktionen, den Abbau sozialer Sicherungssysteme bzw. die Reprivatisierung sozialer Lagen können zudem Gewaltverhältnisse verstärkt in Marginalisierungszusammenhänge eingebunden sein; sie werden dadurch staatlich abgesichert. Die Konstruktion der Muslima als paradigmatischem Opfer transformiert allerdings das gesamte Spektrum unterschiedlicher gesellschaftlicher, sozialer und aufenthaltsrechtlicher Bedingungen in „kulturelle“ Differenz. Erst dadurch lassen sich Sanktionen als Befreiung zu einem „egalitäreren westlichen“ Geschlechterverständnis interpretieren.

Das gilt auch für die immer wieder geführte „Kopftuchdebatte“, in der vorrangig auf das Kopftuch als Symbol islamischer Frauenunterdrückung rekuriert wird. Dabei, kommentiert Hilal Sezgin die Debatte um Burka- und ähnliche Verbote, ließen sich über Frauen mit Kopftuch zwei empirisch gut belegte Aussagen treffen. „Erstens: Sie sind völlig verschieden. Es gibt Feministinnen unterm Kopftuch und Duckmäuserinnen, Traditionalistinnen und Neo-Orthodoxe, Modebewusste und Keusch-sich-Verhüllende. Zweitens: Sie alle sind alltäglicher Diskriminierung seitens der Mehrheitsbevölkerung ausgesetzt.“7 Und in der westlichen Bloßstellung des weiblichen Körpers bzw. dessen öffentlich-sichtbar normgerechter Ausgestaltung lässt sich allerdings ebenso eine Einschreibung von Machtverhältnissen konstatieren. Gern ausgeblendet wird daher in den Debatten, die sich an der „Befreiung“ von Verhüllung abarbeiten, die selbstbewusste und gebildete Kopftuch tragende Frau, die „Neo-Muslima als Agentur der Kulturkritik“ bzw. der Kritik an „Sexualisierung und Verobjektivierung von Frauenkörpern“, da „okzidentalistische Emanzipationsdiskurse“ Kopftuch tragenden Frauen „den Besitz und die Ausübung von Handlungssouveränität (agency)“ verweigern8.

Reproduktionsarbeit unter neoliberalen Bedingungen

Symptomatisch sind die Ergebnisse einer Studie, der zufolge 78 % der Befragten in Europa und 76 % der Deutschen der Aussage zustimmten: „Die muslimischen Ansichten über Frauen widersprechen unseren Werten.“ Zugleich vertraten allerdings dieselben Befragten zu 60 % die Ansicht, Frauen sollten ihre Rolle als Ehefrau und Mutter ernster nehmen.9
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