Archiv für November 2011

Frauen in Ägypten

Während in Ägypten Parlamentswahlen stattfinden und sich die Proteste auf dem Tahrir-Platz fortsetzen, wurde in Kairo die Gerichtsentscheidung über die Klage einer Demonstrantin, die im März zu einem „Jungfräulichkeitstest“ gezwungen wurde, auf Ende Dezember verschoben. Samira Ibrahim, die als bisher einzige der am 9. März festgenommen Frauen gegen das Militär klagt und gestern auf ein Urteil hoffte, muss nun einen weiteren Monat warten. Ein ägyptischer General hatte bereits im Mai die Durchführung der „Jungfräulichkeitstests“ eingeräumt und das Vorgehen zu rechtfertigen versucht, indem er erklärte: „Wir wollten nicht, dass sie hinterher sagen, wir hätten sie sexuell belästigt oder vergewaltigt.“

Mona el-Tahawy, amerikanisch-ägyptische Journalistin mit Doppelpass, berichtete Donnerstag letzter Woche über Prügel und den „schlimmsten sexuellen Übergriff“, den sie jemals erlebt habe, nachdem sie zwölf Stunden im Innenministerium von der ägyptischen Polizei festgehalten worden war. Sie veröffentlichte auch ein Bild von sich mit bandagierten Armen, da sich bei einer Röntgenuntersuchung danach herausstellte, dass ihr linker Arm und ihre rechte Hand gebrochen sind. Sie habe allerdings aufgrund ihrer doppelten Staatsbürgerschaft Glück gehabt, meinte sie, und sei im Gegensatz zu vielen anderen Ägypter_innen einfacher davongekommen.

Um wiederum alltägliche sexuelle Belästigung und Übergriffe sichtbar zu machen, haben ägyptische Frauen die Webplattform harassmap.org eingerichtet, erklärt Heba Habib, eine der Mitgründerinnen, in einem Interview. Bei dem Online-Projekt können Frauen sexuelle Übergriffe melden, die dann über eine digitale Landkarte visualisiert werden.

+++ Nachtrag 28-12-2011: Am 27. Dezember wurde die Durchführung der „Jungfräulichkeitstests“ nun zwar gerichtlich verboten, allerdings erklärte General Adel El-Morsy, Leiter der ägyptischen Militärjustiz, der Gerichtsbeschluss sei nicht umsetzbar, da die Vornahme von Jungfräulichkeitstests in Militärgefängnissen nirgends vorgesehen sei. Der Anwalt von Samira Ibrahim erwartet, dass der Militärrat und die Militärstaatsanwaltschaft in Berufung gehen werden. Morsy agrumentierte, wenn die „Tests“ stattgefunden hätten, sei dies „lediglich als individuelle Handlung geschehen“. +++

Mediale Gewaltverhältnisse

Bundesfamilienministerin Schröder stellte vor etwa zwei Wochen eine von ihr in Auftrag gegebene Studie mit dem Titel „Zwangsverheiratung in Deutschland – Anzahl und Analyse von Beratungsfällen“ vor und überreichte sie öffentlich der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung. Danach geriet einmal wieder die Migrantin als Opfer traditions- oder religiös bedingter Gewalt in den Fokus der Aufmerksamkeit.

Was in der Presse stand. „Studie: Tausende Zwangsheiraten“, „Mehr als 3.000 Frauen werden jährlich in Deutschland zwangsverheiratet“, „Tausende Migrantinnen werden zur Ehe gezwungen“, „in Deutschland tausendfach praktiziert“.1

Bundesweit scheint die Presse Aussagen (re-)produziert zu haben, die in der Studie tatsächlich nicht stehen.

Wenn die Studie eines nicht enthält, dann sind es Zahlenangaben über Zwangsverheiratungen. Sie enthält – das stellt die im Internet zu findende Kurzfassung2 (wo ist die Langfassung?) gleich mehrmals klar – Angaben über Beratungen zu dem Thema.

Der Wert von 3.443 Beratungsfällen stellt gewissermaßen eine „Bruttogröße“ dar: Die Anzahl bezieht sich zunächst nur auf Angaben aus Beratungs- und Schutzeinrichtungen zu der Frage, wie viele Personen sich dort im Jahr 2008 zu dem Thema Zwangsverheiratung beraten ließen. … In den erfassten Fällen sind auch in einem bestimmten Umfang Mehrfachzählungen enthalten. Je nach Art der Beratungseinrichtungen liegt der Anteil derjenigen, die mehrere Einrichtungen aufsuchten, schätzungsweise zwischen 14 und 43 %.3

Weiterhin findet sich in den Medien häufiger der Satz: „Fast zwei Drittel der erfassten Fälle stammen aus stark religiös geprägten Familien.“4 Die Studie sagt allerdings über den Zusammenhang mit Religiosität ausdrücklich anderes, abgesehen davon, dass überhaupt nur für ungefähr 60 % der Betroffenen Angaben zu einer (angenommenen) Religionszugehörigkeit gemacht wurden:

Die Religionszugehörigkeit wurde überwiegend als „leere Variable“ bezeichnet, die sich ohne Vergleichszahlen und ohne zusätzliches Wissen über die tatsächlich praktizierte Religiosität nicht interpretieren lasse. … Mit der gewählten Methode und anhand der Datenlage konnte und sollte also nicht überprüft werden, ob und welche Zusammenhänge die Religionszugehörigkeit/Religiosität mit Zwangsverheiratung hat.5

Bei einem überwiegenden Teil der Beratungen bleiben die Folgen – entgegen den in der Presse verbreiteten jährlichen Opferzahlen – zudem offen; mit Betroffenen ist nicht weiter gesprochen worden, auch nicht im Rahmen der Studie.

In 60 % der Fälle war die Zwangsverheiratung angedroht und noch nicht vollzogen. Mit den bereits verheirateten Personen sind auch diejenigen erfasst, deren Eheschließung bereits vor längerer Zeit erfolgte. … Bei der durchgeführten Falldokumentation lag der anteilige Wert der angedrohten Zwangsverheiratungen sogar bei 71 % und somit deutlich höher.6

Immer wieder: die Gewalt der Anderen
Ein sorgfältigerer Blick wäre wahrhaftig keine Relativierung von Gewalt. Und selbstverständlich sollten sich Betroffene (auch mehrfach) beraten und unterstützen lassen können: Im Allgemeinen sind entsprechende Strukturen allerdings seit Jahren eher von Kürzungen bedroht oder betroffen.7 Der öffentliche Sensationsdiskurs und die Projektion von Gewalt auf eine Bevölkerungsgruppe vereinnahmen jedoch die Frauen als Opfer, um sie gleichzeitig als anders auszuschließen. Getrennt von gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen, die soziale Ungleichheiten und Diskriminierung hervorbringen, wird mit der identitätsstiftenden Wirkung der Reklamierung einer exklusiven „westlichen Wertegemeinschaft“ lediglich ein anschlussfähiger Konsens über „eigene emanzipierte“ Geschlechterverhältnisse erzeugt.

„Frau Schöder schafft es hier erneut (wie bei der Debatte um die vermeintliche ‚Deutschenfeindlichkeit’)“, stellt die Gruppe reclaim society in einer Pressemitteilung fest, „ein weißes, deutsches, christliches, aufgeklärtes ‚wir’ zu konstruieren und Probleme dieser patriarchalen Gesellschaft (wie Sexismus und Gewalt gegen Frauen) als spezifisches Problem der ‚anderen’, vermeintlich muslimischen ‚Migrant_innen’ darzustellen. So beweist die Studie ‚Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland’ des selben Ministeriums, dass es sich bei der Problematik von Gewalt gegen Frauen sehr wohl um ein Problem aller sozioökonomischen Schichten und Religionen handelt.“8
(weiter…)