Archiv für September 2012

Togo: Frauen protestieren in Rot

Mehrere tausend in Rot gekleidete Frauen demonstrierten am Donnerstag in Lomé, Togos Hauptstadt, und riefen Slogans gegen die Regierung. Bereits Ende August hatten Frauen der Oppositionsbewegung „Collectif Sauvons le Togo“ (CST), einem Bündnis aus zivilgesellschaftlichen Organisationen und Oppositionsparteien, zu einem einwöchigen Sexstreik aufgerufen. Der Streik sollte die Männer dazu bewegen, sich für den Rücktritt von Präsident Faure Gnassingbé einzusetzen.

Schließlich seien Frauen „die ersten Opfer der katastrophalen Lage“ in dem Land, erklärte Bürgerrechtlerin Isabelle Ameganvi, und ein Sexstreik sei „eine Waffe“, um die Situation zu verbessern. Der 46-jährige Gnassingbé ist seit 2005 Präsident des westafrikanischen Staates und übernahm die Macht von seinem Vater Gnassingbé Eyadéma, der 38 Jahre lang in Togo herrschte. Der Protest richtet sich besonders gegen eine Wahlrechtsreform, die es Gnassingbés Partei leichter machen soll, bei den für Oktober angesetzten Wahlen Parlamentssitze zu gewinnen. Trotz Repressionen und Demonstrationsverboten fanden in den vergangenen Monaten immer wieder Proteste in Togo statt, es gab Verletzte und Festnahmen.

„Wir Frauen haben genug von 50 Jahren Regierung eines Regimes, das die Rechte der Frauen nicht beachtet!“, „Unsere Kinder sind arbeitslos“, skandierten die Teilnehmerinnen der Demonstration am Donnerstag. „Der Alltag ist schwierig und hart“, sagt Brigitte Adjamagbo Johnson. Vor zwei Jahren war sie Togos erste Präsidentschaftskandidatin, heute gehört sie der Opposition an, die gemeinsam mit CST zu Protestveranstaltungen aufruft. Viele Frauen hätten Schwierigkeiten, ihre Familien überhaupt noch zu ernähren und Schulgeld, Strom und medizinische Versorgung zu bezahlen. Vor allem die Preise für Reis und Öl kletterten immer höher.

Quellen:

Lysistratas Erbinnen: Kein Sex bis Präsident zurücktritt (APA), dieStandard, 27.08.2012, http://diestandard.at/1345165306196/Lysistratas-Erbinnen-Kein-Sex -bis-Praesident-zuruecktritt; Togos Frauen lassen sich nicht unterkriegen: Großdemonstration gegen Präsident Gnassingbe. Kreativer Kampf für mehr Demokratie (KNA), Frankfurter Rundschau, 18.09.2012; Aghu: TOGO : Les femmes togolaises parent Lomé de rouge, KOACI, 20.09.2012, http://koaci.com/articles-77629; Katrin Gänsler: Protestformen in Togo. Frauendemo folgt auf Sexstreik, die tageszeitung, 21.09.2012, http://www.taz.de/Protestformen-in-Togo/!102141/.

Frauen in Jemen: „Wenn du etwas tun willst, tu es“

Jemenitinnen haben sich aufgemacht, das Gesicht ihres Landes nachhaltig zu verändern. Sie prangern gesellschaftliche Tabus an und fordern politisches Mitspracherecht. Ob sich ihr Einsatz in politische Mitsprache ummünzen lässt, bleibt ungewiss.

Helene Aecherli, Sanaa
Die Frauen kommen zu zweit oder in kleinen Gruppen, drängen sich eilig durch das blecherne Tor, das jedes Mal krachend hinter ihnen ins Schloss fällt. Sie huschen den schmalen Gang zum Haus hoch, manche nehmen ihren Schleier vom Gesicht, als wäre er ein Visier, andere warten damit, bis sie die schützenden Mauern erreicht haben. Es ist 16 Uhr, die Zeit nach dem Abwasch und dem Nachmittagsgebet, die Zeit, zu der Männer in Sanaa beim Katkauen sind und Frauen Nachbarinnen oder weibliche Familienmitglieder besuchen. Shymaa, die Herrin des Hauses, hat heute zu Ehren ihrer Freundin aus der Schweiz zu einer Frauenrunde eingeladen. Stolz weist sie ihre Gäste in den Maglis, den Salon. Ihre beiden älteren Töchter bringen Kaffee und Kuchen, die Luft ist von Parfum und Weihrauch erfüllt.

Gesprächsstoff

Die Stimmen schwirren erst schüchtern, dann immer lauter und aufgeregter durch den Raum. Die Rede ist von einer Bekannten, die vor wenigen Tagen in einen Schusswechsel geraten ist. Sie war mit ihrem Bruder abends unterwegs gewesen, als ihn herumlungernde Soldaten zum Anhalten zwangen. Sie wollten den Wagen. Als der Bruder Gas gab, schossen sie der jungen Frau in den Kopf. Ob sie überlebt, ist ungewiss. «Wenn ich so etwas höre, würde ich am liebsten weinen vor Wut», zischt Rofeida, eine 18-jährige Schülerin, die neben mir auf dem hellen Sitzkissen kauert. «Ich glaube, solche Attacken werden absichtlich verübt, um uns Frauen in Schranken zu halten.» Trotzig presst sie ihre Lippen zusammen. Sie werde sich jedoch nicht beeindrucken lassen, sagt sie. Im Gegenteil, sie plane, eine Schule zu eröffnen, eine Art Akademie für Talente, an der Jugendliche, Mädchen wie Burschen, ihre künstlerischen Begabungen weiterentwickeln können. Damit wolle sie beweisen, dass die Zusammenarbeit zwischen den beiden Geschlechtern nichts Schlechtes, sondern für die Gesellschaft notwendig sei, um vorwärtszukommen. Erst hatte sie Angst davor, jemandem von ihren Plänen zu erzählen. Was würde man bloss von ihr denken, fragte sie sich. Darf ein Mädchen überhaupt so etwas tun? «Aber die Revolution hat mir eines gezeigt: Alles ist möglich. Wenn du etwas tun willst, tu es.»

Zum Artikel (Neue Zürcher Zeitung, 08. August 2012):
Frauen in Jemen: „Wenn du etwas tun willst, tu es“

Von Neuss nach Büren

Zwischen der Kleinstadt Büren (Kreis Paderborn) und einer Autobahnauffahrt liegt versteckt im Wald mit über 300 Haftplätzen das größte Abschiebegefängnis der BRD. Für 35 Millionen Mark ließ die nordrhein-westfälische Landesregierung 1993 ein früheres Kasernengelände zum Knast umbauen. Seitdem die Frauenhaftanstalt in Neuss Ende 2011 geschlossen wurde, sind in Büren auch Frauen untergebracht. Hier die Dokumentation eines Redebeitrags während der Demonstration gegen den Abschiebeknast in Büren am am 08. September 2012:

Zwischen 1993 und 2011 befand sich in der Grünstraße in Neuss der bundesweit einzige Abschiebeknast, in dem ausschließlich Frauen inhaftiert waren. Weil die dort – für 80 bis 90 Frauen – vorgesehenen Plätze im Schnitt „nur“ noch zu 20 Prozent belegt waren, wurde die Frauenhaftanstalt in Neuss Ende letzten Jahres geschlossen. Seitdem werden hier, in Büren, streng getrennt von den untergebrachten Männern, auch Frauen eingesperrt. Im Allgemeinen befinden sich hier momentan 10 – 15 Frauen zur gleichen Zeit, manchmal auch mehr.

Diese Veränderungen weisen nicht nur auf die Mauern hin, die in diesen Jahren um Europa hochgezogen wurden, um Migration und Flucht unmöglich zu machen oder zu selektieren. Sie rücken auch politische Verschiebungen und Konjunkturen bei der Bestimmung von „Illegalität“ oder „Legalität“ oder Transformationen von Migrationswegen in das Blickfeld.

Mitte der 1990er Jahre waren im Abschiebeknast Neuss überwiegend illegalisiert arbeitende Frauen inhaftiert. Darunter waren Frauen aus Lateinamerika, die hauptsächlich in Haushalten (als Hausangestellte, Putzfrauen oder Babysitterinnen) arbeiteten, oder mittel- und osteuropäische Frauen, von denen viele mit Sexarbeit ihr Geld verdienten, ebenso wie Frauen aus afrikanischen und asiatischen Ländern. Nur wenige waren nach der Ablehnung ihres Asylantrags in Haft genommen worden.

Aufgrund rassistischer und sexistischer Zuschreibungen, die mit Migration, Geschlecht und Status verbunden sind, waren und sind Migrantinnen (insbesondere mit prekärem Aufenthaltsstatus) häufig auf Arbeitsmöglichkeiten im Reproduktionssektor beschränkt. (Daran hat sich nichts geändert.) Teilweise werden allerdings Frauen in der gleichen Migrationssituation mittlerweile nicht mehr eingesperrt: Für das Jahr 2004 kam der Jahresbericht der Psychosozialen Beratungsstelle, die in Neuss die Frauen unterstützte, zu dem Schluss, dass die damals gesunkene Zahl inhaftierter Frauen auch auf die Osterweiterung der Europäischen Union zurückzuführen war: Ein (nicht „regulärer“) Aufenthalt von Frauen aus den neuen EU-Mitgliedsländern führte nun nicht mehr einfach zu Haft und Abschiebung.
In den Jahren danach waren zeitweise mehrheitlich afrikanische Frauen in Neuss inhaftiert.

Zurzeit sind es meistens Roma oder Angehörige anderer Minderheiten aus Serbien oder dem Kosovo, die seit Jahren oder Jahrzehnten ohne sicheren Aufenthaltsstatus, lediglich „geduldet“, in Ungewissheit hier leben und nun abgeschoben werden sollen – und deshalb in Büren untergebracht werden. So wird zum wiederholten Mal (institutionalisierte) Gewalt gegen die Geflüchteten ausgeübt, deren Hoffnung auf ein besseres Leben damit zerstört wird. (weiter…)