Archiv für Juli 2013

Stigma tötet

Nach den Morden an zwei Sexarbeiter_innen, Dora Özer in der Türkei und Petite Jasmine in Schweden, sind letzten Freitag mit Aktionen in über 30 Städten weltweit viele dem Aufruf des ICRSE (Internationales Komitee für die Rechte von Sexarbeiter_innen in Europa) gefolgt, ein Ende von Stigmatisierung, Kriminalisierung und Gewalt zu fordern.

Die Pressemitteilung des ICRSE zu den Morden und den Protesten hier

Zwei Interviews zu den Morden auf Tits and Sass: The Bloody State Gave Him The Power: A Swedish Sex Worker’s Murder zu Petite Jasmine in Schweden hier und Both Transphobic and Whorephobic: The Murder of Dora Oezer zu Dora Özer in der Türkei hier

Eine Zusammenfassung der Proteste auf freitag.de hier

Vielfältige Diskriminierungen und Stigmatisierung, unter anderem bestimmt von Geschlechterverhältnissen und -vorstellungen, von Vorstellungen über Moral und Ordnung, prägen den Status von Sexarbeit. Durch marginalisierende Rahmenbedingungen begünstigte gewaltförmige Verhältnisse werden aber im öffentlichen Diskurs im Allgemeinen nicht als Resultate dieser Bedingungen betrachtet, sondern wiederum der Sexarbeit angelastet. Der Unterschied besteht darin, dass bei der Theoretisierung von Familienleben niemand aus politischen Gründen zu sagen versucht, dass alle Ehen als gewalttätig betrachtet werden sollten und alle verheirateten Frauen als Opfer behandelt werden sollten, nur weil es Gewalt gegen Frauen in der Familie gibt.1 Eine der beiden Sexarbeiter_innen, Jasmine in Schweden, war nach einem jahrelangen Sorgerechtsstreit von ihrem Ex-Ehemann erstochen worden.

  1. http://www.lauraagustin.com/sex-at-the-margins-reviewed-in-gender-development [zurück]

Hier & dort: Proteste, Repression, fortgesetzte Diskriminierung

Protest: Vor etwa 1 ½ Monaten wurde eine Frau im roten Kleid, die im Gezi-Park von einem Polizisten mit Gas angegriffen wurde, zu einem der Symbole der Proteste in der Türkei. Als dauerhafte Solidaritätsaktion werden in Dortmund nun freitags ab 18.00 Uhr Frauen in roter Kleidung vor der Reinoldikirche in der Fußgänger_innenzone zu stehenden Menschen: Als Zeichen des Protest standen nach der Räumung des Gezi-Parks tausende Menschen in der Türkei auf belebten Plätzen still. Der nächste Termin ist der 26. Juli und falls es der Kleiderschrank nicht hergibt, soll auch anderes als rot getragen werden können.

Die Protestbewegung in ihrer Vielfältigkeit und Widersprüchlichkeit vereint weiterhin alles: Umweltaktivist_innen, Feministinnen*, Kurd_innen, Fußballfans, LGBT-Aktivist_innen… – die LGBT* Pride Istanbul am 30. Juni wurde mit zehntausenden Teilnehmenden (geschätzte 50.000 bis 100.000) die bislang größte in Istanbul und gleichzeitig die größte Demonstration nach der Räumung – bis hin zu Kemalist_innen und Nationalist_innen. Die Beteiligung der Letzteren hat allerdings auch zu gemischten Gefühlen gegenüber den Protesten in der Türkei geführt. (weiter…)