Archiv für Mai 2015

Immer noch: Aufwerten!

Der Streik der Erzieher*innen geht weiter und gestern haben sie gemeinsam mit den städtischen Beschäftigten sozialer Berufe noch einmal in Dortmunds Innenstadt demonstriert. Warum sollen Care-Arbeiten wie die Betreuung von Kindern weniger wert sein als andere („produktive“) Arbeiten, wenn gerade sie für Schaffung und Erhaltung der Gesellschaft notwendig sind? Weil sie häufig unentlohnte geschlechtlich zugewiesene bzw. abgewiesene (und wenig sichtbare) Arbeiten sind und deshalb auch die entlohnte Variante in der Systemlogik nichts wert ist?

Genau deshalb: gesellschaftlich und finanziell aufwerten ! (auch da Arbeit ist was sie unter den momentanen Verhältnissen ist und ihre Umwertung und Umverteilung insgesamt in nächster Zeit nicht stattfinden werden, ist es doch ein kleiner Schritt weiter).

Dieser Beitrag war für N., alleinerziehende, mit reduzierter Stundenzahl vom Erzieherinnengehalt überlebende engagierte Streikende. Das als Nachtrag (am 1. Juli) wegen dem (allgemeineren) Eindruck, dass dieser (aufgrund der zugrunde liegenden Care-Arbeitsverhältnisse) mehrheitlich weiblich getragene Streik von (unorthodox) linker Seite tendenziell nicht ernst genommen wird, der Slogan „Aufwerten“ gesehen wird, als ginge es um etwas mehr „freundliche Anerkennung“ von Bastel-und-Singbeschäftigung-mit-Kindern (so das damit weitertransportierte Image), als wäre der Hintergrund der Forderung nach Aufwertung von weiblich zugewiesener Betreuungs- und Erziehungsarbeit nicht die gesellschaftliche Betrachtung dieser als „natürliche Ressource“, also als qua Geschlecht „sowieso“ zu leistende Arbeit – und kapitalistischer Sexismus heißt weniger wert, weniger Geld wert (dabei: ohne Reproduktion keine Produktion, völlig einfache Grundtatsache, eigentlich); also Gegenmittel gegen das alles: Aufwerten. Die Erzieher*innen gäben sich sowieso mit wenigem zufrieden, hieß es noch, trotz hier angehörter wütender Rede über das wohl immer noch angenommene weibliche „Zubrot“ zum männlichen „Hauptverdienst“ in der Familie und obwohl die Stimmung den Schlichterspruch nicht einfach akzeptiert, im Gegenteil; also was isses nun, ach, der übliche sexistische Blick?

Aufgelebte Romantik (oder: die Wahl der Bilder)

Solidaritätsverhältnisse sind wieder gefragter. Auch aus feministischer Perspektive ist Solidarität zu thematisieren wieder weniger ausschließlich „spezialisierten“ Gruppen (wie hier ) vorbehalten. Nicht zuletzt haben die Frauenverteidigungseinheiten (Yekîneyên Parastina Jin/YPJ) im Kampf um den nordsyrischen, überwiegend kurdisch bewohnten Kanton Kobanê und das Frauen ausdrücklich einbeziehende Rätesystem in der Region Rojava darin wohl eine Rolle gespielt – diesen Schluss legte unter anderem das Programm des 37. Kongresses der Bundeskoordination Internationalismus (BUKO) vom 14. – 17. Mai in Münster nahe. Statt neuen Auseinandersetzungen um ein Wie? Solidarität von hier vor dem Hintergrund so unterschiedlicher Situationen scheinen jedoch im Wesentlichen geläufige Bilder, d. h. besonders die Figur der bewaffneten Kämpferin*, wiederbelebt worden zu sein. Eine der bekanntesten ikonografischen Abbildungen der Revolution in Nicaragua (während des Contra-Krieges) war die „Miliciana de Waswalito“, eine Mutter mit Kind und Gewehr über der Schulter; solche Bilder fungieren als Repräsentation und Perspektive auf ein Gesamtgeschehen, sie sind wie eine Brille.

Beim BUKO-Kongress lag auf einem Info-Tisch eine Werbebroschüre (anders ist sie nicht zu beschreiben) für die kurdische Frauenorganisierung, allerdings nicht auf Kobanê/Rojava bezogen, sondern mit der allgemeinen Feststellung: „Tausende von Frauen – kurdische Frauen aus der Türkei, dem Iran, Irak, Syrien, Armenien, Russland und Europa aber auch Internationalistinnen aus dem Mittleren Osten und europäischen Ländern – sind als Militante in dieser Bewegung aktiv.“ Auf den Fotos sind überwiegend gut aussehende Frauen, militärgrün uniformiert, oft in der Natur/den Bergen (denen eine besondere Rolle für die konsequente Hinterfragung des kapitalistischen Systems zugeschrieben wird), teilweise bewaffnet.

Seite aus der Broschüre „…damit die Freiheit nicht nur ein Wunsch bleibt!“ Autonome Frauenorganisierung und Kämpfe in Kurdistan, herausgegeben von Cenî – Kurdisches Frauenbüro für Frieden

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Angela Davis wird Besuch verweigert

Angela Davis, die, wie Der Tagesspiegel schreibt, eine der wenigen bekannten Überlebenden der US-Bürgerrechtsbewegung ist und sonst noch Feministin, Philosophin, Schriftstellerin… ist in Berlin. Dort wollte sie gemeinsam mit Bürgerrechtlerin Gina Dent mit den Flüchtlingen in der besetzten Gerhart-Hauptmann-Schule reden, aber der Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg verweigerte ihnen den Zugang.

Bereits während ihrer Gastprofessur 2013 in Frankfurt traf sich Angela Davis mit selbstorganisierten Vertreter_innen der hier gegen Rassismus kämpfenden Bewegung – mit doppeltem Interesse: seit Jahrzehnten selbst engagiert und betroffen, forscht sie zu Ungleichheiten durch race, gender, class. Der Besuch der Schule ist aber ohne die Genehmigung von Stadträtin Borkamp nicht möglich, weil der Zugang von einem Sicherheitsdienst verhindert wird. Unter Berufung auf „eine generelle Regelung“ hat der Bezirk also keine Genehmigung erteilt. Dabei, so die Opferberatung ReachOut, hätten im Februar und März fanden mehrfach Treffen mit den Bewohner_innen in der Schule und einer Gruppe unter Leitung von Jürgen Quandt von der Heilig-Kreuz-Kirche stattfinden können.

Ein Besuch von Angela Davis könnte, fürchtete der Bezirk wohl, ermutigend wirken und einen antirassistischen Widerstand und die Einforderung von Ansprüchen auf ein Bleiberecht und anderes stärken und ihnen öffentlich zusätzliche Berechtigung verleihen. Daher wollte Bezirkssprecher Sascha Langenbach anscheinend erst einmal versuchen, ein mögliches Treffen zu diskreditieren: Es gehe ja „nur um einen PR-Gag um Bilder zu produzieren“. So machten die US-Bügerrechtlerinnnen* bei ihrem Berlin-Besuch die Erfahrung der Verhältnisse hier.