“Starting below Zero”

Das nordrhein-westfälische Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter hat eine App entwickeln lassen, die geflüchtete und von Gewalt betroffene Frauen* über ihre Rechte und über Unterstützungsmöglichkeiten (wie Beratungsstellen oder Polizeidienststellen in der Nähe) informieren soll. Die App „RefuShe“ steht in fünf Sprachen – Deutsch, Englisch, Arabisch, Kurdisch, Paschtu – zum Herunterladen für Android-Handys zur Verfügung. Nützliche Informationen für Frauen* sind an sich eine gute Sache. NRW-Emanzipationsministerin Steffens muss jedoch dazu noch die Ansicht verbreiten, dieses Land sei ein antisexistisches Paradies; Flüchtlingsfrauen* machen leider häufig die gegenteilige Erfahrung. „Grundwerte wie Gleichstellung und Selbstbestimmung“ solle die App den Frauen* vermitteln, wirbt das NRW-Ministerium auch in einer Pressemitteilung1 in anscheinend völliger Unkenntnis der hierarchischen und fremdbestimmten Verhältnisse, unter denen Flüchtlingsfrauen* hier in Lagern leben müssen.

“Starting below Zero” („Unter Null anfangen“) ist passenderweise der Titel einer Beschreibung von in Buchform (auf Englisch) zusammengefassten Forschungsergebnissen, die von Studierenden und Lehrenden der Sozial- und Kulturanthropologie der Freien Universität Berlin in Kooperation mit dem International Women’s Space (IWS), einer Gruppe geflüchteter und migrierter Frauen, über das Leben von Frauen* in Berliner Flüchtlingslagern zusammengetragen wurden. „Viele Frauen* drückten den starken Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben aus“, heißt es dort im Resümee, da ihnen durch Lagerleben und Wartezustand die Möglichkeit dazu genommen werde.2 Unter anderem aus dieser Schlussfolgerung hätte das NRW-Ministerium einiges lernen können.

Die App biete Orientierung in einer für die meisten Frauen völlig neuen Werteordnung, erklärte weiterhin die nordrhein-westfälische Ministerin Barbara Steffens Medienberichten zufolge bei der Vorstellung der Applikation „RefuShe“ (vor etwas einer Woche). Dazu gehöre auch, dass Frauen in Deutschland frei und gleichberechtigt leben könnten und sexuelle Gewalt geahndet werde.3 Solche Äußerungen diskriminieren Flüchtlingsfrauen* – und es ist nur zu hoffen, dass die App besser ist als ihre Ankündigung – die unter Umständen gerade in dieser Illusion hierher geflohen sind. Manche von ihnen haben hier mittlerweile harte Erfahrungen machen müssen.4 Gewalt gründet in der „Normalität“ des Sexismus „unserer“ Gesellschaft ebenso wie anderer und auch hier wird die sexistische Demütigung (bis zur Re-Traumatisierung) eventuell fortgeführt, indem Gewaltbetroffenen eine „Mitschuld“ zugeschrieben und/oder ihre Glaubwürdigkeit in angezweifelt wird.

Im zusätzlichen Zusammentreffen mit der rassistischen Strukturierung dieser Gesellschaft gab es im letzten Jahr genügend Fälle, in denen die in Flüchtlingslagern, in denen Frauen* untergebracht waren, gegen sie ausgeübte Gewalt von Betreiberunternehmen und offiziellen Stellen verleugnet statt verfolgt wurde (wie hier oder hier) . Auch in dem kürzlich ausgestrahlten WDR-Film von Naima El Moussaoui und Lukas Roegler Der Traum von Sicherheit – Was Frauen auf der Flucht erleiden5 wird einerseits am Beispiel der Erstaufnahme in Eisenhüttenstadt eindrücklich geschildert, wie DRK-Mitarbeiter angewiesen werden, die Vergewaltigung einer Frau zu vertuschen, und andererseits am Beispiel einer Unterkunft in Höxter die bittere Lektion dargestellt, dass auch ein Kind im Lager durch einen Betreiberbeschäftigten gefährdet sein kann. In der taz formulierte Susanne Memania als Fazit eines Interviews zur Forschung über die Situation von Frauen* in Flüchtlingslagern in Berlin, aus der das oben genannte Buch entstanden ist: „Zentrale Erkenntnis: Sammelunterkünfte gehören abgeschafft.“6 Es ist natürlich nicht anzunehmen, dass damit alles gut würde, aber für die betroffenen Frauen* möglicherweise dies & jenes besser.

  1. Pressemitteilung: Emanzipation: Ministerin Steffens: Bundesweit einzigartige App „RefuShe“ unterstützt Integration geflüchteter Frauen und bietet Hilfe bei Gewalt. Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes Nordrhein-Westfalen, 19.12.2016; http://www.mgepa.nrw.de/ministerium/presse/pressemitteilungsarchiv/pm2016/pm20161219a/index.php. [zurück]
  2. Miriam Bräu, Katharina Epstude, Ana Mara Erlenmaier, Lena Nahrwold, Maya Perusin Mysorekar, Maja Sisnowski, Laura Strott, Camila von Hein: „Starting below Zero“: On the Situation of Women* in Refugee Camps in Berlin, 9. August 2016; http://www.medizinethnologie.net/starting-below-zero/. [zurück]
  3. Unter anderem: App „RefuShe“ bietet Flüchtlingsfrauen Hilfe bei Gewalt (dpa), Welt, 19.12.2016; https://www.welt.de/regionales/nrw/article160428988/App-RefuShe-bietet-Fluechtlingsfrauen-Hilfe-bei-Gewalt.html. [zurück]
  4. Das betrifft natürlich auch die Ablehnung von Asylanträgen, die wegen geschlechtsspezifischer Verfolgung oder Verfolgung wegen sexueller Orientierung gestellt wurden, unter anderem weil erlebte Gewalt in Asylanhörungen nicht „glaubhaft“, d.h. detailliert und widerspruchsfrei, unbekannten Menschen beschrieben werden konnte. [zurück]
  5. Naima El Moussaoui und Lukas Roegler: Der Traum von Sicherheit – Was Frauen auf der Flucht erleiden. WDR Fernsehen, die story, gesendet am 07.12.2016; http://www1.wdr.de/fernsehen/die-story/sendungen/der-traum-von-sicherheit-100.html. [zurück]
  6. Susanne Memania: Forschung über Flüchtlingsfrauen. „Alle beklagen Mangel an Autonomie“. tageszeitung, 15.12.2016; http://www.taz.de/!5367579/. [zurück]

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