Archiv für Januar 2017

Hunderttausende beim ‚Women’s March‘ in Washington und anderswo

Allein in Washington und Los Angeles beteiligten sich am Samstag jeweils über eine halbe Million Menschen an den dortigen Women’s Marches; Demonstrationen mit schätzungsweise mehr als 100.000 Teilnehmer*innen soll es auch in New York, Chicago, Boston, Denver und Seattle gegeben haben. Mit etwa 670 Sister Marches weltweit in Solidarität mit der Veranstaltung in Washington wurde die Zahl der Beteiligten global auf über 4,6 Millionen Menschen geschätzt, darunter etwa 100.000 Menschen bei einem Protestmarsch in London. Die Women’s Marches sind so der größte Protest nach dem Antritt eines neuen Präsidenten in der Geschichte der USA geworden.

Durch die Aufforderung zu einem Zusammenkommen „in Diversität“ wurde eine breite Beteiligung – gegen Rassismus und Polizeigewalt, für Migrant*innen und Geflüchtete in den USA, von LGBT-Organisationen oder Klimaschützer*innen… – an den Marches mit feministischem Schwerpunkt ermöglicht. Auseinandersetzungen gab es im Vorfeld (selbstverständlich) dennoch, etwa über die Beteiligung von Gruppen gegen Abtreibung, die sich selbst als feministisch definieren, oder um Spannungen zwischen weißen und nicht-weißen Frauen*.

Der gerade vor den Massendemonstrationen ins Amt eingeführte Präsident wurde in dem zentralen Aufruf zu den Protesten dagegen noch nicht einmal namentlich genannt. Trotzdem herrscht hier häufig medial weniger ein Interesse an den Forderungen der Beteiligten, sondern eher an der Größe der im Wesentlichen „Anti-Trump-Proteste“ gelabelten Demonstrationen. Einen der hiesigen Gründe präsentiert die Zeitung Frankfurter Rundschau heute mit diesem Ankündigungsgemisch auf ihrer Frontseite:

Nach dem Erfolg des Demonstrationsaufrufs wird auf der Women‘s-March-Website mit einer ersten Aktion von ‚10 Aktionen in den ersten 100 Tagen‘ bereits für eine nächste Protestmöglichkeit geworben. Und Fotos, Fotos, Fotos … von den Protestmärschen an verschiedenen Orten in den USA und auf verschiedenen Kontinenten gibt es an mehreren Stellen im Netz – hier beispielsweise bei der New York Times.

Ethnisierung von Gewalt (Fortsetzung vom letzten Jahr)

Wie kann es sein, dass so viele behaupten, kein Racial Profiling im Vorgehen der Polizei in der Silvesternacht in Köln erkennen zu können? Um es kurz zusammenzufassen: Nach übereinstimmenden Berichten nutzte die Polizei die Ausgänge des Kölner Hauptbahnhofs, um Ankommende in polizeilich als weiß (linke Tür) und nordafrikanisch (nicht-weiß) Identifizierte (rechte Tür), die in einem Kessel bis zu drei Stunden festgehalten wurden, zu sortieren. „Anwesende Polizisten sprechen von ‚selektieren‘“, berichtete der Kölner Stadt-Anzeiger um 21:32 Uhr. „Es wird keiner zu früh gehen“, erklärte Polizeipräsident Jürgen Mathies später. „[M] ehrere Hundert Personen, die augenscheinlich aus Afrika stammen“, meldete die Polizei Köln in der Nacht auf Facebook und auf Twitter etwa gleichzeitig „mehrere Hundert Nafris“.1 (Es ist übel, solche Äußerungen auch noch zu wiederholen, stimmt, hat aber hier erklärenden Charakter.)

Die Abkürzung, die diversen Meldungen zufolge für „nordafrikanische Intensivtäter“ steht, sei eigentlich nicht für den öffentlichen Gebrauch bestimmt, erklärte Kölns Polizeipräsident Mathies nachher. Macht es etwas besser, wenn ein homogenisierend-diskriminierender Begriff für eine Gruppe von Menschen (aus Ägypten, Algerien, Libanon, Libyen, Marokko, Syrien und Tunesien, die zwar nicht alle in Nordafrika liegen, aber egal) intern verwendet wird? Der Begriff beschreibe nur generell „Menschen eines bestimmten Phänotyps“, hatte ein Polizeisprecher gegenüber Spiegel online zu relativieren versucht. „Was genau einen Menschen zum potenziellen „Nafri“ macht, ob es die Hautfarbe, Frisur oder Kleidung sei, das wollte der Sprecher nicht sagen, ergänzte jedoch: ‚Wie ein Nordafrikaner grundsätzlich aussieht, das weiß man.‘“2

Sexismus durchzieht die Gesellschaft. (weiter…)

Türkei: Prozess gegen die Schriftstellerin Aslı Erdoğan

Im Verfahren gegen die türkische Autorin Aslı Erdoğan und acht Mitangeklagte, die ebenso wie sie für die Zeitung Özgür Gündem tätig waren, hat das Gericht letzte Woche zum Prozessauftakt die Entlassung der Schriftstellerin aus der Untersuchungshaft angeordnet. Auch die 70jährige Autorin und Übersetzerin Necmiye Alpay wurde freigelassen. Beide befanden sich seit viereinhalb Monaten im Istanbuler Frauengefängnis Bakırköy. Wegen der Kolumnen, die Aslı Erdoğan in der Özgür Gündem über die Situation in den kurdischen Gebieten veröffentlicht hatte, wird ihr in der Türkei der Prozess wegen „Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation“ gemacht.

Aus einem Gefängnis, einem Frauengefängnis zwischen einer Psychiatrie und einem ehemaligen Lepra-Krankenhaus, rufe ich heraus zu euch Literaten. Hinter Steinen, Beton und Stacheldraht rufe ich – wie aus einem Brunnenschacht – zu euch: Hier, in meinem Land, lässt man mit einer unvorstellbaren Rohheit das Gewissen verkommen. Dabei wird gewohnheitsmäßig und wie blind versucht, die Wahrheit zu töten. Auch wenn ich nicht weiß, wie, aber die Literatur hat es immer geschafft, Diktatoren zu überwinden. Die Literatur, die wir mit unserem eigenen Blut schreiben, denn diese ist für mich die Wahrheit. Herzliche Grüße, Aslı Erdoğan. Diese Grußbotschaft Aslı Erdoğans wurde zur Eröffnung der diesjährigen Frankfurter Buchmesse verlesen, während der die Autorin bereits inhaftiert war.

Plakat auf der Frankfurter Buchmesse

Dabei ist die Schriftstellerin, die für ihre Romane mehrere Literaturpreise – unter anderem im Jahr 2010 mit dem Sait-Faik-Literaturpreis einen der bedeutendsten Preise der Türkei – erhalten hat, nur eine von vielen, deren Ansichten zur aktuellen Lage in der Türkei unerwünscht sind. Seit dem Putschversuch in der Türkei verloren über 110.000 Personen ihren Job oder wurden suspendiert und etwa 40.000 Menschen wurden festgenommen; ungefähr 150 Autor*innen und Journalist*innen sitzen derzeit in türkischen Gefängnissen. Der Prozess gegen Aslı Erdoğan und andere Mitarbeiter*innen der Özgür Gündem soll nun nach einer weiteren Verhandlung gestern am 14. März fortgesetzt werden.