Bochumer Frauen im Widerstand

Redebeitrag der Gruppe 271 des offenen Antifa-Cafés Bochum zum Gedenken am 8. Mai auf dem Friedhof am Freigrafendamm in Bochum:

„Dass ich noch lebe, verdanke ich jenen Menschen, die bereit waren, einen Verfolgten aufzunehmen. In der Mehrzahl waren es Frauen.“
Ein Überlebender

Wir möchten heute insbesondere an die Frauen erinnern, die während der nationalsozialistischen Herrschaft in Bochum aktiv Widerstand leisteten und diesen mit Haft, Emigration oder ihrem Leben bezahlen mussten. Jahrzehnte nach der Kapitulation Nazideutschlands werden ihre Akte des Widerstandes noch immer marginalisiert.

Bisherige Darstellungen des Widerstands gegen den Nationalsozialismus stellen vor allem Männer in den Fokus. Sie standen in der Regel im Vordergrund und prägen das Bild der Gegner Hitlers bis heute. Der Blick auf die Frauen, die entweder „dahinter“ standen oder aber auch eigene Formen des Widerstands entwickelten, kommt dabei bislang zu kurz. Als nach der Zerschlagung des nationalsozialistischen Regimes, den durch Teile der Alliierten eingeführten didaktischen Demokratisierungsmaßnahmen, der Gründung der Bundesrepublik Deutschland, eine Verdrängung der deutschen Taten einsetzte und das Täter*innenvolk endlich wieder seine angestrebte Lebensnormalität zelebrieren durfte, galt jeder Mensch, der Widerstand geleistet hatte, im gesellschaftlichen Mainstream als „Verräter“.

Foto: www.bo-alternativ.de

Es dauerte Jahrzehnte bis bürgerliche, sozialdemokratische und christliche Widerstandsgruppen von der Bevölkerung rehabilitiert und nachfolgend zur Schreibung des Narratives eines „Deutschlands als Erinnerungsweltmeister“ instrumentalisiert wurden.

Die Anerkennung kommunistischer, anarchistischer oder gar jüdischer, bzw. zionistischer Widerständler, dauerte – auch innerhalb des bildungspolitischen Milieus – weitere Jahrzehnte.

Der von Frauen durchgeführte Widerstand wurde in der Regel von der deutschen Mehrheitsgesellschaft als passiver Akt kolportiert. Frauen pflegten Verwundete, versorgten und versteckten Geflüchtete, transportierten Flugblätter und Briefe in Kinderwagen, dechiffrierten Botschaften des nationalsozialistischen Regimes,… Aber auch aktiver Widerstand wurde von Frauen geleistet. So blockierten beispielsweise die „Frauen der Rosenstraße“ in Berlin das Gebäude der Jüdischen Sozialverwaltung. Sie verzögerten hierdurch die Deportation mehrerer Tausend Jüdinnen und Juden und konnten letztlich 25 Menschenleben retten.

Erwähnt seien auch die massenhaften Akte der Sabotage der Rüstungsindustrie, durchgeführt von Zwangsarbeiterinnen. In den Narrativen der Nachkriegszeit wurden Widerstandskämpferinnen oft als widernatürlich angesehen, da sie nicht dem ihnen zugedachten Bild einer sanftmütigen, aufopferungsvollen Frau und Mutter entsprachen. Somit wurden sie als Bedrohung der patriarchalen Verhältnisse wahrgenommen.

Wir möchten nur einige Bochumer Widerstandskämpferinnen exemplarisch erwähnen.

Else Hirsch
geb. 29.07.1889 in Bützow / Schwerin, gestorben 1943 im Ghetto Riga Die Zionistin war von 1927 bis 1942 Lehrerin in der jüdischen Gemeinde Bochum. Bereits 1934 hatte ein Viertel der Bochumer Schülerinnen und Schüler die Schule verlassen müssen. Else Hirsch erkannte früh die Wichtigkeit von außerschulischen Englisch- und Hebräischstunden als Vorbereitung für die späteren Rettungsaktionen. Mit Kindertransporten von Bochum nach England rettete Else Hirsch zusammen mit der Gemeindesekretärin der jüdischen Gemeinde – Erna Philipp – zwischen 1938 und 1939 mehr als 70 Kindern aus Bochum und Herne das Leben, diese sind oftmals die einzigen Überlebenden ihrer Familien. Erna Philipp selbst blieb mit dem letzten Transport in England, was ihr Leben rettete. Else Hirsch blieb aus Sorge um die verbliebenen Kinder in Deutschland und wurde 1942 nach Riga deportiert, wo sie 1943 verstarb. Überlebende berichten, dass Else Hirsch auch im Ghetto noch Kinder unterrichtet hat, um somit etwas Normalität herzustellen und Hoffnung zu spenden. Heute erinnert ein Stolperstein und eine Straße in Bochum an die mutige Lehrerin.

Martha Wink
Geboren 1921 in Bochum, gestorben am 29.01.1945 in Ravensbrück. Ihr Vater war aktiver Kommunist, weshalb Martha Wink schon früh in politische Diskussion und Kämpfe eingebunden war. Sie wurde, nachdem sie sich 1943 laut in einem Café gegen die Nationalsozialisten geäußert hatte, verhaftet und nach Ravensbrück deportiert, wo sie am 29.Januar 1945 zu Tode kam.

Elisabeth Sievers
Geboren 27.06.1885, gestorben am 01.04.1942 in Ravensbrück Viel ist über Elisabeth Sievers nicht bekannt. Sie war aktive Sozialdemokratin und wurde aufgrund ihrer politischen Arbeit in das Frauen-KZ Ravensbrück deportiert, wo sie 1942 verstarb. Heute erinnert ein Kissenstein auf diesem Ehrengräberfeld.

Da das Frauenbild der Deutschen – ausgehend von seiner starken Prägung während des Nationalsozialismus – bis heute in Teilen eine gewisse Kontinuität aufweist, kommt der Erinnerung an Widerstandskämpferinnen besondere Bedeutung zu. Durch die Negation ihrer Namen, ihrer Persönlichkeiten und ihrer Widerstandsakte vollzieht sich Geschichtsrevisionismus, denn es wird unterschlagen, dass sie sich gegen den ihnen zugedachten Rollenstatus und gegen Herrschaftsnormen auflehnten.

Frauen sind keine „Frau, Freundin, Verlobte von…“! Frauen sind eigenständig denkende und agierende, politische Subjekte! Widerstandskämpferinnen mischten sich politisch ein, übernahmen Verantwortung und versuchten ihre und die Zukunft anderer aktiv und emanzipatorisch zu gestalten!

Gerade in der Gegenwart sollten sie uns daran erinnern, dass wir als Feminist*innen uns weder mit dem normativen Zustand der Gesellschaft zufrieden geben, noch dass wir dem Rollenklischee der AfD, anderer rechtspopulistischer Organisationen, rechter Bündnisse, aber auch dem rechst-konservativen Mainstream nicht entsprechen und uns seiner mysogenen, sexistischen, homophoben, antisemitischen, rassistischen Ideologie niemals unterwerfen werden!


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