In Erinnerung

Dieser Beitrag erinnert an Semra Ertan, die sich Ende Mai 1982 in Hamburg, einige Tage vor ihrem 26. Geburtstag, öffentlich selbst verbrannte, um ein Zeichen gegen den wachsenden Rassismus zu setzen. Auch wenn das bittere „Jubiläum“ bereits über zwei Wochen zurückliegt und das Jubiläumsjahr ein ungerades ist (37 Jahre) – aktuell gibt es mehr als genug Gründe, an sie (und andere Opfer des Rassismus in Deutschland) zu denken. Letzte Woche wurde einmal wieder ein sogenanntes Migrationspaket im Bundestag verabschiedet1 das auch unter der offiziellen Bezeichnung „Geordnete-Rückkehr-Gesetz“ bekannt geworden ist und längst vielfach in „Hau-ab-Gesetz“ umgetauft worden ist.

Nun tritt das Gesetz bald in Kraft, wenn es nach Seehofer geht: Die Abschiebungshaft ist maßlos ausgeweitet, ein „Notstand“ ist erfunden worden, um Abschiebungshäftlinge bei Strafgefangenen unterbringen zu können, ein rigoroser Ausreisegewahrsam ist geschaffen worden, der beinahe jede*n betreffen kann (gern alle Geflüchteten in den Knast, denken Gesetzgeber*innen), vollständige Leistungsausschlüsse und reihenweise Leistungsstreichungen im Asylbewerberleistungsgesetz sind beschlossen worden, eine Duldung „light“ mit Entrechtungen wie Arbeitsverbot, Residenzpflicht etc. ist eingeführt worden, bei angeblicher Verletzung der Mitwirkungspflichten für die Passbeschaffung können Bußgelder von bis zu 5.000 € verhängt werden (d. h. wenn vor der Flucht aus unerträglichen Verhältnissen keine Identitätsdokumente besorgt wurden und von hier auch keine zu erhalten sind), auch Solidarität durch „Verrat“ von Abschiebungsterminen an Betroffene ist kriminalisiert worden usw., usw.

Selbstverständlich ist auch die zwingende Unterbringung nach der Ankunft in enormen Massenunterkünften, sogenannten ANKER-Zentren, für 18 Monate oder sogar mehr beschlossene Sache, so dass Asylsuchende schnell erkennen, was sie hier zu erwarten haben. Es ist immer wieder eindrücklich dokumentiert worden, von Flüchtlingsfrauen* ebenso wie in Presseartikeln und Ähnlichem2, dass diese Lagerunterbringungen gerade Frauen*, Kinder und LGBTI* bedrohen, und sexuelle Belästigung, Übergriffe und (sexualisierte) Gewalt unter anderem durch „Sicherheits“-Personal und andere Beschäftigte solcher Einrichtungen regelrecht gefördert werden, weil in dieser Umgebung problemlos gewaltvoll agiert werden kann. Natürlich erfahren ebenfalls Männer* in den Lagern Gewalt und sexualisierte Gewalt ist dabei nicht ausgeschlossen. So oder so gibt es die öffentliche Bestürzung und Forderung nach Schutz (außer in wenigen Fällen) lediglich bei der gewünschten, „richtigen“ Zugehörigkeit der Gewaltbetroffenen (also hier nicht).

Semra Ertan zog 1972 aus der Türkei zu ihren Eltern nach Deutschland, wo sie eine Ausbildung machte und als technische Bauzeichnerin und als Dolmetscherin arbeitete. Gleichzeitig war sie Lyrikerin und schrieb bis zu ihrem Tod über 350 Gedichte, die unter anderem Erfahrungen von Migrant*innnen thematisierten. Eines ihrer bekanntesten Gedichte hat den Titel „Mein Name ist Ausländer“ (ein Etikett, das damals Menschen aufgeklebt wurde, um sie auszugrenzen): Ich arbeite hier / Ich weiß, wie ich arbeite / Die Deutschen wissen es auch / Meine Arbeit ist schwer / Meine Arbeit ist schmutzig / Das gefällt mir nicht, sage ich / „Wenn dir die Arbeit nicht gefällt, / geh in deine Heimat“, sagen sie / … 3

Durch ihren Tod ist Semra Ertan ein Opfer des Rassismus geworden, an dem sie gestorben ist; ihr Selbstmord, den sie vorher mit einem Anruf beim NDR angekündigt hatte, ist aber auch Widerstandshandeln dagegen.

Schlussbemerkung: Der Gedanke zu diesem Beitrag ist durch das vom International Women* Space herausgegebene Buch „Als ich nach Deutschland kam“ entstanden. Ein Gespräch, das dort wiedergegeben ist, dreht sich um Rassismus und rassistische Gewalt, und Ayşe Güleç, unter anderem engagiert beim Tribunal ‚NSU-Komplex auflösen‘, sagt darin,4 „…ich bin in Gelsenkirchen, im Ruhrgebiet, aufgewachsen. Dort hat mein Vater lange Zeit als Bergarbeiter gearbeitet. Ich habe in den Achtzigerjahren die ersten rassistischen Übergriffe auf das migrantische Leben erlebt. Das heißt, ich habe noch sehr gut in Erinnerung, dass Semra Ertan, eine Poetin, die in der Ausbildung war, sich selbst verbrannte. Das sind die Sachen, die ich als Schülerin mitbekommen habe. …“ Außerdem ist der Beitrag natürlich dem fürchterlich-rassistischen Klima zuzuschreiben, in dem eine Verschlechterung die nächste jagt. Nebenbei ist ebenfalls in der letzten Woche noch ein weiteres Maßnahmenpaket5 im Bundestag verabschiedet worden, das die Prekarisierung und Kriminalisierung aus anderen europäischen Ländern zugewanderter Menschen vorantreibt, wie Bulgar*innen und Rumän*innen, die auch in Dortmund leben.

  1. Zweites Gesetz zur besseren Durchsetzung der Ausreisepflicht [zurück]
  2. Für den Film „Der Traum von Sicherheit – Was Frauen auf der Flucht erleiden“ von Naima El Moussaoui/Lukas Roegler ist im WDR nur noch die Ankündigung vorhanden (https://programm.ard.de/?sendung=2811119318479782, der Film auf Vimeo: https://vimeo.com/334431789). Und einige wenige Links zu Beispielen: https://www.taz.de/Machtmissbrauch-in-Unterkuenften/!5460056/, https://www.stern.de/familie/leben/frauen-in-fluechtlingsheimen—das-gesetz-zu-ihrem-schutz-wurde-gestrichen-6763054.html, http://www.taz.de/Misshandelte-Fluechtlinge-in-Burbach/!5546718/. [zurück]
  3. Zitiert nach: Das Ende des German Dream (Vorabdruck eines Beitrags von Fatma Aydemir), Spiegel Online, 17.02.2019, https://www.spiegel.de/kultur/literatur/eure-heimat-ist-unser-alptraum-vorabdruck-das-ende-des-german-dream-a-1253290.html. [zurück]
  4. International Women* Space (Hg.): „Als ich nach Deutschland kam“, Münster 2019, S. 98. Mehr dazu: https://iwspace.de/als-ich/buch/. [zurück]
  5. Gesetz gegen illegale Beschäftigung und Sozialleistungsmissbrauch [zurück]

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