Frauen*-Internationalismus-Archiv Dortmund http://fia.blogsport.de Tue, 25 Jun 2019 16:50:17 +0000 http://wordpress.org/?v=1.5.1.2 en FrauenLesben, bildet Banden http://fia.blogsport.de/2019/06/25/frauenlesben-bildet-banden/ http://fia.blogsport.de/2019/06/25/frauenlesben-bildet-banden/#comments Tue, 25 Jun 2019 15:31:53 +0000 Administrator AllgemeinDortmundFeminismusFilmVeranstaltung http://fia.blogsport.de/2019/06/25/frauenlesben-bildet-banden/ Im Juli wird in Dortmund zweimal der Film Frauen bildet Banden bzw. FrauenLesben bildet Banden (eine Spurensuche zur Geschichte der Roten Zora) des FrauenLesbenFilmCollectifs Las Otras gezeigt.

Die Termine:
Dienstag, 09. Juli 2019, 18:00 Uhr, Fachhochschule, Sonnenstraße 96, 44139 Dortmund, Raum F212
Mittwoch, 10. Juli 2019, 19:30 Uhr, Black Pigeon, Scharnhorststraße 50, 44147 Dortmund
beide Veranstaltungen mit anschließendem Regisseurinnengespräch

Die Rote Zora war in den 1970er und bis in die 1990er Jahren eine militante Frauen*gruppe in der BRD, die sich klandestin organisierte. Ihre Aktivitäten richteten sich unter anderem gegen alltägliche Gewalt gegen Frauen*, gegen Gen- und Reproduktionstechnologien, Bevölkerungspolitik und internationale Ausbeutungsbedingungen als Ausdruck patriarchaler Herrschaft. Zentral waren die Selbstermächtigung der FrauenLesben und der Bruch mit der zugeschriebenen Friedfertigkeit.

Erzählungen von verschiedenen Zeitzeuginnen aus Deutschland, Lateinamerika, Korea und Italien sowie Interviews mit ehemaligen Zoras und einer Historikerin verbunden mit historischen Aufnahmen der Frauen- und Studentinnen*bewegung in der BRD lassen die Geschichte der Roten Zora und der damaligen FrauenLesbenbewegung in dem Film wieder lebendig werden.

„Während weithin anerkannt wird, dass feministische Protestaktionen in Westdeutschland kreativ und provokativ waren, ist bis heute kaum bekannt, dass einige Gruppen konfrontative oder militante Methoden benutzten, um gegen sexistische Unterdrückung zu kämpfen“, schrieb die Historikerin Katharina Karcher, die auch in dem Film zu Wort kommt, über diese Vergangenheit in dem Buch Sisters in Arms. Die mit ihrem Buch vorgelegte Studie, die zunächst in einer englischen Ausgabe und letztes Jahr auch auf Deutsch1 erschien, sei die erste umfangreiche Untersuchung, die sich mit dieser „faszinierenden und kontroversen Rolle solcher Taktiken“ beschäftige. Leider gelingt es ihrer Abhandlung weniger, auch wenn sie viel Wissen zusammenträgt, die Umgebung einer damaligen „Offline“-FrauenLebenbewegung einzufangen, die den Hintergrund für diese Idee radikaler feministischer Praxis darstellte. Die entwickelte feministische, vielfältige Infrastruktur mit sozialen Räumen und Angeboten, mit FrauenLesben-Projekten, über die sich eine feministische (Gegen-)Öffentlichkeit konstituierte, wie örtlichen Frauenzeitungen oder Frauenbuchläden (beides auch in Dortmund, auch wenn beispielsweise der Bochumer Buchladen „Amazonas“ länger bestanden hat), ist heute kaum noch vorstellbar.

Insofern bietet der Film, der Ausschnitte aus solchen Zusammenhängen bebildet, Diskussionsstoff sowohl zum heutigen Umgang mit dieser Geschichte als auch zum feministischen Heute – hoffentlich für viele interessierte Zuschauer*innen.

Weitere Informationen: Las Otras

  1. Katharina Karcher: Sisters in Arms. Militanter Feminismus in Westdeutschland seit 1968, Berlin/Hamburg, 2018, S. 19. [zurück]
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Her mit den Äpfeln, Eva! http://fia.blogsport.de/2019/06/22/her-mit-den-aepfeln-eva/ http://fia.blogsport.de/2019/06/22/her-mit-den-aepfeln-eva/#comments Sat, 22 Jun 2019 22:03:38 +0000 Administrator AllgemeinDortmundReligion http://fia.blogsport.de/2019/06/22/her-mit-den-aepfeln-eva/ Wegen dem derzeitigen Dortmunder Großereignis, das sich die Stadt laut Lokalpresse fast drei Millionen Euro kosten lässt1, – genau, es handelt sich um den Evangelischen Kirchentag – einige wenige Sätze zur Religion (hauptsächlich zur evangelischen). Der Begriff Religionskritik scheint momentan beinahe ausschließlich den Islam zu betreffen (Internetsuchmaschinen verstehen ihn auch so), obwohl etwa 57 % der Bevölkerung christlich sind (den evangelischen Landeskirchen zuzurechnen sind dabei ungefähr 26 % der Gesamtbevölkerung) und ca. 37 % konfessionslos (was natürlich nicht unbedingt atheistisch heißt). Geschätzte 5,4 bis 5,7 % der Bevölkerung sind muslimisch. Das ständige Reden über den Islam ist also reichlich unverhältnismäßig, aber die Mehrheitsbevölkerung lässt sich gern über Andere aus.

Was gesellschaftlich dominierende Gottesauffassungen angeht, ist der christliche Gott deutlich männlich (Vater, Herr, König, Allmächtiger), Jesus ebenso (sein Sohn). Ein „Vatergott“ untermauert männliche Autorität und das Männliche wird tendenziell göttlich gesehen. Außerdem sind gesellschaftlich wirkmächtige Weiblichkeitsnormen immer noch von religiös-sexuellen Reinheitsvorstellungen gegenüber Unreinheitsvorstellungen (die „Heilige“ und die „Hure“) geprägt. Nun gibt es allerdings feministische Theologinnen*, die ein anderes Gottesbild aus den Schriften herauslesen und sich beispielsweise auf die selteneren, aber vorhandenen weiblichen Gottesdarstellungen (z. B. „Wie eine Mutter ihren Sohn tröstet, so tröste ich euch“ (Jes 66,13)) berufen oder auf die wichtigen Rollen, die Frauen teilweise im Neuen Testament spielen.2

Ob das tatsächlich möglich ist, bleibt die Frage, denn „Ihr sollt aber wissen, dass Christus das Haupt eines jeden Mannes ist, der Mann aber das Haupt der Frau und Gott das Haupt Christi“ (1. Kor. 11,3) oder „Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter wie dem Herrn. Denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Gemeinde ist“ (Eph 5,23). Hier wird eine religiöse und soziale Geschlechterhierarchie propagiert, in der Männer* Christus/Gott näher stehen – und über den Frauen*. Patriarchale Religionen fallen natürlich nicht einfach vom Himmel, sondern sind Spiegelbilder der Gesellschaft.

Silvia Federici hat viel über den religiös legitimierten Mord, die Hexenverfolgung, als Enteignung und Voraussetzung für die Entwicklung zum Kapitalismus, geschrieben. „In einer frühen Phase hatten Männer bis zu 40 Prozent der Beschuldigten gestellt, und eine geringe Zahl wurde auch später noch verfolgt; … Die herausragende Tatsache besteht jedoch darin, dass es sich bei mehr als 80 Prozent derer, die im Europa des 16. Und 17. Jahrhunderts als Hexen angeklagt und hingerichtet wurden, um Frauen handelte. Tatsächlich wurden in diesem Zeitraum mehr Frauen als Hexen vor Gericht gestellt als für irgendein anderes Verbrechen – bezeichnenderweise mit Ausnahme der Kindstötung. … Ganz so, wie die Einhegungen das gemeinschaftlich genutzte Land der Bauern enteignete, enteignete die Hexenjagd die Körper der Frauen. Auf diese Weise wurden Frauenkörper von allem „befreit“, was sie daran hinderte, als Maschinen zur Produktion von Arbeitskräften zu wirken. … Wir können uns vorstellen, wie es auf Frauen gewirkt haben muss, ihre Nachbarinnen, Freundinnen und Verwandten auf dem Scheiterhaufen brennen zu sehen … Gleichzeitig waren die Folterkammern und Scheiterhaufen, auf denen die Hexen starben, die Orte, an denen die bürgerlichen Ideale der Weiblichkeit und Häuslichkeit erfunden wurden.“3

Im Gegensatz zu noch vorhandenen landläufigen Vorstellungen fällt die Hauptzeit der Hexenverfolgung also in die Reformationszeit – und was Martin Luther, der berühmte Reformator, dazu zu sagen hatte, ist überliefert. „Es ist ein überaus gerechtes Gesetz, dass die Zauberinnen getötet werden, denn sie richten viel Schaden an, was bisweilen ignoriert wird, sie können nämlich Milch, Butter und alles aus einem Haus stehlen… Schaden fügen sie nämlich an Körpern und Seelen zu, sie verabreichen Tränke und Beschwörungen, um Hass hervorzurufen, Liebe, Unwetter, alle Verwüstungen im Haus, auf dem Acker, über eine Entfernung von einer Meile und mehr machen sie mit ihren Zauberpfeilen Hinkende, dass niemand heilen kann… Die Zauberinnen sollen getötet werden, weil sie Diebe sind, Ehebrecher, Räuber, Mörder… Sie schaden mannigfaltig. Also sollen sie getötet werden, nicht allein weil sie schaden, sondern auch, weil sie Umgang mit dem Satan haben.“4

Ungeachtet dieser Geschichte gelten die evangelischen Kirchen heutzutage als eher fortschrittliche Religionsgemeinschaft, in der Frauen* Pastorinnen* werden und lesbische und schwule Paare (wenn auch nicht überall) getraut werden können. Die Frauenordination wurde ab 1958 (als Elisabeth Haseloff in Lübeck die erste Pastorin wurde) nach und nach von den Landeskirchen zugelassen; die letzte Kirche der EKD, die die Frauenordination einführte, war 1991 die Landeskirche Schaumburg-Lippe. Allerdings mussten bis 1974 Pastorinnen* bei einer Heirat ihr Amt aufgeben, denn sie sollten schließlich gute Ehefrauen sein (und sich nicht anderweitig mit Gott oder der Gemeinde beschäftigen). Mit den leitenden Positionen bleibt es für Frauen* schwierig – unter den Bischöf*innen etc. sind sie eine deutliche Minderheit.

Trotz alldem ist nicht gesagt, dass Feminismus grundsätzlich säkular und atheistisch sein muss, zumal neben den dominierenden „großen“ Religionen noch andere Glaubensmöglichkeiten existieren, wie animistische religiöse Auffassungen oder der Kult einer Großen Göttin, den beispielsweise die Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth aus Mythen und Epen herauskristallisiert hat. Auch wenn ihre Ideen als wissenschaftlich nicht haltbar gelten, hat sie im Bereich Geschlechterbilder und Religion ein Identitätsangebot gemacht, das auch wahrgenommen worden ist. Und die christlichen Kirchen nutzen ihre moralische Macht ebenfalls im Sinne eines humanistischen Menschenbilds, um z. B. gegen Widerstände Flüchtlinge zu unterstützen, wie es die Arbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche5 tut. Aber ist dafür Glauben notwendig oder wären nicht andere, ungebundene gesellschaftliche Veränderungen notwendiger?

„Das religiöse Elend“, schrieb Karl Marx (um hier einmal einen Mann zu zitieren), „ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks.“

Der Beitrag ist nun doch mehr als einige wenige Sätze lang geworden.

  1. Annika Fischer: Evangelischer Kirchentag eröffnet: Glückauf und Halleluja, Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 19.06.19, https://www.waz.de/region/rhein-und-ruhr/evangelischer-kirchentag-eroeffnet-glueckauf-und-halleluja-id226231329.htm. [zurück]
  2. Sabine Aßmann: Frau im Fokus: Feminismus und Theologie, religion.ORF.at, 17.03.2017, https://religion.orf.at/stories/2829381/. [zurück]
  3. Silvia Federici: Caliban und die Hexe. Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation, Wien, 2012, S. 220, 224, 226. [zurück]
  4. MDR Zeitreise: Hexenhammer, Laienspiegel und Luther. Die Hexenverfolgung, 05.12.2016, https://www.mdr.de/zeitreise/weitere-epochen/neuzeit/hexenhammer-laienspiegel102.html, auch: Hexenpredigt von Martin Luther, http://www.anton-praetorius.de/downloads/Hexenpredigt%20von%20Martin%20Luther.pdf. [zurück]
  5. Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche: https://www.kirchenasyl.de/. [zurück]
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In Erinnerung http://fia.blogsport.de/2019/06/12/in-erinnerung/ http://fia.blogsport.de/2019/06/12/in-erinnerung/#comments Wed, 12 Jun 2019 19:12:57 +0000 Administrator AllgemeinGewaltRassismussexualisierte Gewalt http://fia.blogsport.de/2019/06/12/in-erinnerung/ Dieser Beitrag erinnert an Semra Ertan, die sich Ende Mai 1982 in Hamburg, einige Tage vor ihrem 26. Geburtstag, öffentlich selbst verbrannte, um ein Zeichen gegen den wachsenden Rassismus zu setzen. Auch wenn das bittere „Jubiläum“ bereits über zwei Wochen zurückliegt und das Jubiläumsjahr ein ungerades ist (37 Jahre) – aktuell gibt es mehr als genug Gründe, an sie (und andere Opfer des Rassismus in Deutschland) zu denken. Letzte Woche wurde einmal wieder ein sogenanntes Migrationspaket im Bundestag verabschiedet1 das auch unter der offiziellen Bezeichnung „Geordnete-Rückkehr-Gesetz“ bekannt geworden ist und längst vielfach in „Hau-ab-Gesetz“ umgetauft worden ist.

Nun tritt das Gesetz bald in Kraft, wenn es nach Seehofer geht: Die Abschiebungshaft ist maßlos ausgeweitet, ein „Notstand“ ist erfunden worden, um Abschiebungshäftlinge bei Strafgefangenen unterbringen zu können, ein rigoroser Ausreisegewahrsam ist geschaffen worden, der beinahe jede*n betreffen kann (gern alle Geflüchteten in den Knast, denken Gesetzgeber*innen), vollständige Leistungsausschlüsse und reihenweise Leistungsstreichungen im Asylbewerberleistungsgesetz sind beschlossen worden, eine Duldung „light“ mit Entrechtungen wie Arbeitsverbot, Residenzpflicht etc. ist eingeführt worden, bei angeblicher Verletzung der Mitwirkungspflichten für die Passbeschaffung können Bußgelder von bis zu 5.000 € verhängt werden (d. h. wenn vor der Flucht aus unerträglichen Verhältnissen keine Identitätsdokumente besorgt wurden und von hier auch keine zu erhalten sind), auch Solidarität durch „Verrat“ von Abschiebungsterminen an Betroffene ist kriminalisiert worden usw., usw.

Selbstverständlich ist auch die zwingende Unterbringung nach der Ankunft in enormen Massenunterkünften, sogenannten ANKER-Zentren, für 18 Monate oder sogar mehr beschlossene Sache, so dass Asylsuchende schnell erkennen, was sie hier zu erwarten haben. Es ist immer wieder eindrücklich dokumentiert worden, von Flüchtlingsfrauen* ebenso wie in Presseartikeln und Ähnlichem2, dass diese Lagerunterbringungen gerade Frauen*, Kinder und LGBTI* bedrohen, und sexuelle Belästigung, Übergriffe und (sexualisierte) Gewalt unter anderem durch „Sicherheits“-Personal und andere Beschäftigte solcher Einrichtungen regelrecht gefördert werden, weil in dieser Umgebung problemlos gewaltvoll agiert werden kann. Natürlich erfahren ebenfalls Männer* in den Lagern Gewalt und sexualisierte Gewalt ist dabei nicht ausgeschlossen. So oder so gibt es die öffentliche Bestürzung und Forderung nach Schutz (außer in wenigen Fällen) lediglich bei der gewünschten, „richtigen“ Zugehörigkeit der Gewaltbetroffenen (also hier nicht).

Semra Ertan zog 1972 aus der Türkei zu ihren Eltern nach Deutschland, wo sie eine Ausbildung machte und als technische Bauzeichnerin und als Dolmetscherin arbeitete. Gleichzeitig war sie Lyrikerin und schrieb bis zu ihrem Tod über 350 Gedichte, die unter anderem Erfahrungen von Migrant*innnen thematisierten. Eines ihrer bekanntesten Gedichte hat den Titel „Mein Name ist Ausländer“ (ein Etikett, das damals Menschen aufgeklebt wurde, um sie auszugrenzen): Ich arbeite hier / Ich weiß, wie ich arbeite / Die Deutschen wissen es auch / Meine Arbeit ist schwer / Meine Arbeit ist schmutzig / Das gefällt mir nicht, sage ich / „Wenn dir die Arbeit nicht gefällt, / geh in deine Heimat“, sagen sie / … 3

Durch ihren Tod ist Semra Ertan ein Opfer des Rassismus geworden, an dem sie gestorben ist; ihr Selbstmord, den sie vorher mit einem Anruf beim NDR angekündigt hatte, ist aber auch Widerstandshandeln dagegen.

Schlussbemerkung: Der Gedanke zu diesem Beitrag ist durch das vom International Women* Space herausgegebene Buch „Als ich nach Deutschland kam“ entstanden. Ein Gespräch, das dort wiedergegeben ist, dreht sich um Rassismus und rassistische Gewalt, und Ayşe Güleç, unter anderem engagiert beim Tribunal ‚NSU-Komplex auflösen‘, sagt darin,4 „…ich bin in Gelsenkirchen, im Ruhrgebiet, aufgewachsen. Dort hat mein Vater lange Zeit als Bergarbeiter gearbeitet. Ich habe in den Achtzigerjahren die ersten rassistischen Übergriffe auf das migrantische Leben erlebt. Das heißt, ich habe noch sehr gut in Erinnerung, dass Semra Ertan, eine Poetin, die in der Ausbildung war, sich selbst verbrannte. Das sind die Sachen, die ich als Schülerin mitbekommen habe. …“ Außerdem ist der Beitrag natürlich dem fürchterlich-rassistischen Klima zuzuschreiben, in dem eine Verschlechterung die nächste jagt. Nebenbei ist ebenfalls in der letzten Woche noch ein weiteres Maßnahmenpaket5 im Bundestag verabschiedet worden, das die Prekarisierung und Kriminalisierung aus anderen europäischen Ländern zugewanderter Menschen vorantreibt, wie Bulgar*innen und Rumän*innen, die auch in Dortmund leben.

  1. Zweites Gesetz zur besseren Durchsetzung der Ausreisepflicht [zurück]
  2. Für den Film „Der Traum von Sicherheit – Was Frauen auf der Flucht erleiden“ von Naima El Moussaoui/Lukas Roegler ist im WDR nur noch die Ankündigung vorhanden (https://programm.ard.de/?sendung=2811119318479782, der Film auf Vimeo: https://vimeo.com/334431789). Und einige wenige Links zu Beispielen: https://www.taz.de/Machtmissbrauch-in-Unterkuenften/!5460056/, https://www.stern.de/familie/leben/frauen-in-fluechtlingsheimen—das-gesetz-zu-ihrem-schutz-wurde-gestrichen-6763054.html, http://www.taz.de/Misshandelte-Fluechtlinge-in-Burbach/!5546718/. [zurück]
  3. Zitiert nach: Das Ende des German Dream (Vorabdruck eines Beitrags von Fatma Aydemir), Spiegel Online, 17.02.2019, https://www.spiegel.de/kultur/literatur/eure-heimat-ist-unser-alptraum-vorabdruck-das-ende-des-german-dream-a-1253290.html. [zurück]
  4. International Women* Space (Hg.): „Als ich nach Deutschland kam“, Münster 2019, S. 98. Mehr dazu: https://iwspace.de/als-ich/buch/. [zurück]
  5. Gesetz gegen illegale Beschäftigung und Sozialleistungsmissbrauch [zurück]
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Nachtrag: wie weiter im Sudan? http://fia.blogsport.de/2019/05/20/nachtrag-wie-weiter-im-sudan/ http://fia.blogsport.de/2019/05/20/nachtrag-wie-weiter-im-sudan/#comments Mon, 20 May 2019 19:13:37 +0000 Administrator NachrichtenMigrationSudan http://fia.blogsport.de/2019/05/20/nachtrag-wie-weiter-im-sudan/ Nachtrag: wie weiter im Sudan? ¦ 20-05-2019 ¦ Letzte Woche war die Situation im Sudan an einen kritischen Punkt gelangt. Mittlerweile werden die Verhandlungen um die Übergangsphase zwischen dem zurzeit herrschenden Militär und der zivilen Opposition jedoch wieder fortgesetzt. Diese Gespräche waren am Donnerstag vom Militärrat ausgesetzt worden. Und bereits letzten Montag waren in Khartum tödliche Schüsse auf Protestierende abgegeben worden. „Augenzeugen sind sich sicher: Die Schützen trugen die Uniformen der Rapid Support Forces (RSF), die schon seit Wochen mit ihren Geländewagen, auf denen schwere Maschinengewehre montiert sind, in den Straßen der Hauptstadt Khartum patrouillieren“, wurde in der Frankfurter Rundschau berichtet.]]> Letzte Woche war die Situation im Sudan an einen kritischen Punkt gelangt. Mittlerweile werden die Verhandlungen um die Übergangsphase zwischen dem zurzeit herrschenden Militär und der zivilen Opposition jedoch wieder fortgesetzt. Diese Gespräche waren am Donnerstag vom Militärrat ausgesetzt worden. Und bereits letzten Montag waren in Khartum tödliche Schüsse auf Protestierende abgegeben worden. „Augenzeugen sind sich sicher: Die Schützen trugen die Uniformen der Rapid Support Forces (RSF), die schon seit Wochen mit ihren Geländewagen, auf denen schwere Maschinengewehre montiert sind, in den Straßen der Hauptstadt Khartum patrouillieren“, wurde in der Frankfurter Rundschau berichtet. Weitere Demonstrant*innen waren dann am Mittwoch letzter Woche bei einem ähnlichen Angriff verletzt worden. Der Militärrat hatte zuvor die Beseitigung von Straßenblockaden verlangt, die Protestierende errichtet haben, um den Druck aufrechtzuerhalten. Von einer Verantwortung für die bewaffneten Angriffe will er aber nichts wissen.

Der Kommandant der beschuldigten Rapid Support Forces, Mohamed Hamdan Dagalo („Hemiti“ oder in anderer Schreibweise „Hamiti“ genannt), ist jedoch Vizechef des Militärrats. Seine mittlerweile in die reguläre Armee eingegliederten RSF sind aus den berüchtigten Janjaweed-Milizen hervorgegangen, die in der Region Darfur für grausame Verbrechen verantwortlich gewesen sind und zurzeit unter anderem Söldnertruppen in Saudi-Arabiens Krieg im Jemen schicken. Außerdem sind sie inzwischen für die Überwachung der Grenzen zu Libyen, Ägypten und Tschad zuständig, auch um – im Auftrag der Europäischen Union – Migration in Richtung Europa zu unterbinden. Durch diesen als Khartum-Prozess bezeichneten Deal mit der EU, der dem sudanesischen Regime 200 Millionen Euro eingebracht haben soll und in dem Deutschland der Deutschen Welle zufolge eine federführende Rolle übernommen hat, sind im Sudan Flüchtlinge und Migrant*innen Menschenrechtsverletzungen durch die RSF ausgeliefert.

Dem EU-Abgesandten vor Ort jedenfalls scheint der freundschaftliche Umgang mit den derzeitigen Machthabern keine Probleme zu bereiten. „Die Botschafter der USA und der EU haben sich bereits mit den Vertretern des Militärrates ablichten lassen, posierten lächelnd für Fotos mit dessen zweitem Mann, dem berüchtigten Mohammed Hamdan Daglu, genannt ‚Hameti‘“, schrieb die Süddeutsche Zeitung schon Ende April.

Momentan heißt es, das Militär wolle die Mehrheit in der geplanten Übergangsregierung behalten. Falls aber Armee und Milizen im Sudan langsam entmachtet und der Tyrannisierungsapparat überwunden werden sollte, wäre das ein fantastischer Erfolg – gerade angesichts der Unterdrückung der Bewegungen des ‚arabischen Frühlings‘ in der Region. Ägypten mit seinem General Abdel Fattah al-Sisi an der Spitze (mit dem die deutsche Regierung ebenfalls keine Berührungsprobleme hat) und seiner furchtbaren Repression gegen jede Opposition ist gleich nebenan. Worauf die Bundesregierung im Sudan im Zweifelsfall setzen wird, liegt also nahe.

Der feministischen Bewegung im Sudan ist weiterhin viel Kraft – und viel Erfolg – zu wünschen (sehr viel Mut haben die Frauen* bereits, den muss ihnen von hier keine wünschen).

Quellen:
Simone Schlindwein: Abschottung im Auftrag Europas, die tageszeitung, 17.11.2016, http://www.taz.de/!5355404/; amnesty international: Europäische Migrationspolitik: Der Khartoum-Prozess, 17.02.2017, http://amnesty-sudan.de/amnesty-wordpress/2017/02/17/europaeische-migrationspolitik-der-khartoum-prozess/; Kersten Knipp: Der Sudan, plötzlich geschätzt, 12.11.2018, Deutsche Welle, https://www.dw.com/de/der-sudan-pl%C3%B6tzlich-gesch%C3%A4tzt/a-46265775; Bernd Dörries: Kämpfen ohne fremdes Geld, Süddeutsche Zeitung, 22.04.2019, https://www.sueddeutsche.de/politik/sudan-kaempfen-ohne-fremdes-geld-1.4417585; Johannes Dieterich: Demonstranten im Sudan erschossen, Frankfurter Rundschau, 14.05.2019, https://www.fr.de/politik/sudan-demonstranten-hauptstadt-erschossen-12283138.html, und andere.

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Feministische Kämpfe im Sudan http://fia.blogsport.de/2019/05/14/feministische-kaempfe-im-sudan/ http://fia.blogsport.de/2019/05/14/feministische-kaempfe-im-sudan/#comments Tue, 14 May 2019 06:58:21 +0000 Administrator NachrichtenFeminismusProtestSudan http://fia.blogsport.de/2019/05/14/feministische-kaempfe-im-sudan/ Feministische Kämpfe im Sudan ¦ 14-05-2019 ¦ Nach monatelangen Protesten der Bevölkerung wurde am 11. April 2019 das seit 1989 autoritär herrschende Staatsoberhaupt des Sudans, Omar al-Baschir, von der Armee gestürzt. Die Installation eines militärischen Übergangsrats konnte allerdings das massive Aufbegehren auf den Straßen nicht beenden: Die Protestierenden fordern weiterhin die vollständige Machtübergabe an eine zivile Regierung. Oppositionsvertreter*innen und Armee verhandeln zurzeit über Bedingungen für einen Übergang. Über die zentrale Rolle der Frauen in der Protestbewegung gegen das repressive Regime ist von den hiesigen Medien hier und da bereits geschrieben worden. Auf dem Blog Sudfa, einem französisch-sudanesischen Medium auf Mediapart, schreibt Eynass Buthayna, feministische Aktivistin, nun in einem ausführlichen Beitrag über die Geschichte der Frauen im Sudan, ihre doppelte Unterdrückung und ihre Beteiligung an den momentanen Auseinandersetzungen. ]]> Nach monatelangen Protesten der Bevölkerung wurde am 11. April 2019 das seit 1989 autoritär herrschende Staatsoberhaupt des Sudans, Omar al-Baschir, von der Armee gestürzt. Die Installation eines militärischen Übergangsrats konnte allerdings das massive Aufbegehren auf den Straßen nicht beenden: Die Protestierenden fordern weiterhin die vollständige Machtübergabe an eine zivile Regierung und setzen unter anderem die Demonstrationen in Sudans Hauptstadt Khartum fort. Oppositionsvertreter*innen und Armee verhandeln zurzeit über Bedingungen für einen Übergang.

Über die zentrale Rolle der Frauen in der Protestbewegung gegen das repressive Regime ist von den hiesigen Medien hier und da bereits geschrieben worden.1 Auf dem Blog Sudfa, einem französisch-sudanesischen Medium auf Mediapart, berichtet nun Eynass Buthayna, feministische Aktivistin, in einem ausführlichen Beitrag über die Geschichte der Frauen im Sudan, ihre doppelte Unterdrückung und ihre Beteiligung an den momentanen Auseinandersetzungen.2

Sie erzählt von der weiter zurückliegenden, vorkolonialen Vergangenheit mit mächtigen Frauen wie Amanirenas, der nubischen Königin, die einen Aufstand gegen das Römische Reich leitete und die Truppen zurückschlug, dem kulturellen Erbe, aus dem sudanesische Frauen z. B. Kräfte für den Kampf gegen Kolonialismus und Diktatur schöpften.

Später schreibt sie über die Union der sudanesischen Frauen (Union des Femmes Soudanaises), die 1952 gegründet wurde und über fünfzehntausend Mitglieder hatte, „eine der größten und effizientesten feministischen Organisationen des afrikanischen Kontinents“. Dank der Union konnten sich Frauen im Sudan bestimmte Rechte, wie das aktive und passive Wahlrecht oder das Recht auf gleichen Lohn, erkämpfen; die Probleme der Landfrauen seien von der Vereinigung allerdings ausgeklammert worden. Mit dem Aufstieg der islamistischen Bewegung und der Einführung der Scharia im Jahr 1983 sei der Zusammenschluss dann ebenso wie politische Parteien verboten worden.

In der Folge wurden zunehmend Gesetze erlassen, die die Entscheidungs- und Bewegungsfreiheit von Frauen einschränkten. Sie wurden zudem Opfer blutiger Kriege (unter Omar al-Baschir, der 1989 durch einen Militärputsch an die Macht kam, etwa in der Region Darfur) oder als Vertriebene, die in der Stadt zu überleben versuchten, Opfer der Repressionen gegen ambulante Händler_innen wie die Teeverkäuferinnen.

Gerade aufgrund dieser mehrfachen Unterdrückung seien die Frauen an den Protesten seit Dezember 2018 besonders beteiligt, schreibt Eynass Buthayna. „Die ersten Opfer des Regimes, waren sie auch die ersten Gegnerinnen.“ Momentan unterliegen Frauen im Sudan zahlreichen Vorschriften, die sie gängeln und abhängig machen. Genitalverstümmelungen, Frühverheiratungen, Verhängung von Peitschenhieben nach dem „ Gesetz über die öffentliche Ordnung“ für „unmoralisches“ Verhalten … die Frauen im Sudan kämpfen an vielen Fronten. „Eine Mutter kann ohne die Erlaubnis ihres Ehemannes nicht mit ihrem Kind reisen. Im Fall einer Scheidung hängen die Zukunft der Kinder und ihre gesamten Ausweispapiere vom Vater ab. Um bei einer Scheidung das Sorgerecht für die Kinder zu erhalten, ist die Mutter gesetzlich verpflichtet, nicht vor sieben Jahren wieder zu heiraten.“

Daher protestierten sie mit ihrer Beteiligung an den Demonstrationen ebenfalls gegen das patriarchale System. „Revolutionäre Frauen demonstrieren und besetzen den Ort, um ihre Rechte geltend zu machen, ihre Anwesenheit auf der Straße zu erzwingen und darauf zu drängen, dass ihre Forderungen nach dem Fall des Systems angehört werden.“ Doch auch in der Protestbewegung ist es nicht immer einfach. „Viele Slogans und Lieder verwenden sexistische Analogien und sehr erniedrigende Begriffe und bringen das Regime mit weiblichen Merkmalen in Verbindung.“ Unter diesen Bedingungen kämpfen sudanesische Frauen auf verschiedenen Ebenen für einen Regimewechsel und für ihre feministischen Ideen.

Dieser Text ist nur eine kurze Zusammenfassung des Originals, das in allen Punkten viel ausführlicher ist. Das Gendersternchen hinter dem Wort Frauen (Frauen*) ist hier nicht verwendet, da sich die Autorin weniger mit dem „Konstrukt Frau“ als ausdrücklich mit der geschichtlichen Rolle bzw. Unterdrückung der weiblichen Bevölkerung auseinandersetzt. Natürlich schreibt sie darin auch über Geschlechterkonstruktionen.

  1. Unter anderem in: https://www.tagesspiegel.de/politik/umsturz-im-sudan-die-frauen-spielen-eine-sehr-wichtige-rolle/24209878.html, https://www.sueddeutsche.de/politik/sudan-alaa-salah-proteste-frauen-al-baschir-1.4407588, https://www.fr.de/politik/sudan-abertausende-sudanesen-demonstrieren-demokratie-12212007.html. [zurück]
  2. Eynass Buthayna: Révolutions #4 : la double oppression des femmes soudanaises; Sudfa, 08.05.2019, https://blogs.mediapart.fr/sudfa/blog/040519/revolutions-4-la-double-oppression-des-femmes-soudanaises. Ebenfalls über die Geschichte der sudanesischen feministischen Kämpfe (wenn auch kürzer) berichtet in der taz Rama Aldarwish: Gestern und heute Kämpferinnen; die tageszeitung, 21.04.2019, http://www.taz.de/Frauen-in-der-sudanesischen-Revolution/!5584229/. [zurück]
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http://fia.blogsport.de/2019/05/14/feministische-kaempfe-im-sudan/feed/
Bochumer Frauen im Widerstand http://fia.blogsport.de/2019/05/13/bochumer-frauen-im-widerstand/ http://fia.blogsport.de/2019/05/13/bochumer-frauen-im-widerstand/#comments Mon, 13 May 2019 09:31:28 +0000 Administrator AllgemeinDokumentationWiderstand http://fia.blogsport.de/2019/05/13/bochumer-frauen-im-widerstand/ Redebeitrag der Gruppe 271 des offenen Antifa-Cafés Bochum zum Gedenken am 8. Mai auf dem Friedhof am Freigrafendamm in Bochum:

„Dass ich noch lebe, verdanke ich jenen Menschen, die bereit waren, einen Verfolgten aufzunehmen. In der Mehrzahl waren es Frauen.“
Ein Überlebender

Wir möchten heute insbesondere an die Frauen erinnern, die während der nationalsozialistischen Herrschaft in Bochum aktiv Widerstand leisteten und diesen mit Haft, Emigration oder ihrem Leben bezahlen mussten. Jahrzehnte nach der Kapitulation Nazideutschlands werden ihre Akte des Widerstandes noch immer marginalisiert.

Bisherige Darstellungen des Widerstands gegen den Nationalsozialismus stellen vor allem Männer in den Fokus. Sie standen in der Regel im Vordergrund und prägen das Bild der Gegner Hitlers bis heute. Der Blick auf die Frauen, die entweder „dahinter“ standen oder aber auch eigene Formen des Widerstands entwickelten, kommt dabei bislang zu kurz. Als nach der Zerschlagung des nationalsozialistischen Regimes, den durch Teile der Alliierten eingeführten didaktischen Demokratisierungsmaßnahmen, der Gründung der Bundesrepublik Deutschland, eine Verdrängung der deutschen Taten einsetzte und das Täter*innenvolk endlich wieder seine angestrebte Lebensnormalität zelebrieren durfte, galt jeder Mensch, der Widerstand geleistet hatte, im gesellschaftlichen Mainstream als „Verräter“.

Foto: www.bo-alternativ.de

Es dauerte Jahrzehnte bis bürgerliche, sozialdemokratische und christliche Widerstandsgruppen von der Bevölkerung rehabilitiert und nachfolgend zur Schreibung des Narratives eines „Deutschlands als Erinnerungsweltmeister“ instrumentalisiert wurden.

Die Anerkennung kommunistischer, anarchistischer oder gar jüdischer, bzw. zionistischer Widerständler, dauerte – auch innerhalb des bildungspolitischen Milieus – weitere Jahrzehnte.

Der von Frauen durchgeführte Widerstand wurde in der Regel von der deutschen Mehrheitsgesellschaft als passiver Akt kolportiert. Frauen pflegten Verwundete, versorgten und versteckten Geflüchtete, transportierten Flugblätter und Briefe in Kinderwagen, dechiffrierten Botschaften des nationalsozialistischen Regimes,… Aber auch aktiver Widerstand wurde von Frauen geleistet. So blockierten beispielsweise die „Frauen der Rosenstraße“ in Berlin das Gebäude der Jüdischen Sozialverwaltung. Sie verzögerten hierdurch die Deportation mehrerer Tausend Jüdinnen und Juden und konnten letztlich 25 Menschenleben retten.

Erwähnt seien auch die massenhaften Akte der Sabotage der Rüstungsindustrie, durchgeführt von Zwangsarbeiterinnen. In den Narrativen der Nachkriegszeit wurden Widerstandskämpferinnen oft als widernatürlich angesehen, da sie nicht dem ihnen zugedachten Bild einer sanftmütigen, aufopferungsvollen Frau und Mutter entsprachen. Somit wurden sie als Bedrohung der patriarchalen Verhältnisse wahrgenommen.

Wir möchten nur einige Bochumer Widerstandskämpferinnen exemplarisch erwähnen.

Else Hirsch
geb. 29.07.1889 in Bützow / Schwerin, gestorben 1943 im Ghetto Riga Die Zionistin war von 1927 bis 1942 Lehrerin in der jüdischen Gemeinde Bochum. Bereits 1934 hatte ein Viertel der Bochumer Schülerinnen und Schüler die Schule verlassen müssen. Else Hirsch erkannte früh die Wichtigkeit von außerschulischen Englisch- und Hebräischstunden als Vorbereitung für die späteren Rettungsaktionen. Mit Kindertransporten von Bochum nach England rettete Else Hirsch zusammen mit der Gemeindesekretärin der jüdischen Gemeinde – Erna Philipp – zwischen 1938 und 1939 mehr als 70 Kindern aus Bochum und Herne das Leben, diese sind oftmals die einzigen Überlebenden ihrer Familien. Erna Philipp selbst blieb mit dem letzten Transport in England, was ihr Leben rettete. Else Hirsch blieb aus Sorge um die verbliebenen Kinder in Deutschland und wurde 1942 nach Riga deportiert, wo sie 1943 verstarb. Überlebende berichten, dass Else Hirsch auch im Ghetto noch Kinder unterrichtet hat, um somit etwas Normalität herzustellen und Hoffnung zu spenden. Heute erinnert ein Stolperstein und eine Straße in Bochum an die mutige Lehrerin.

Martha Wink
Geboren 1921 in Bochum, gestorben am 29.01.1945 in Ravensbrück. Ihr Vater war aktiver Kommunist, weshalb Martha Wink schon früh in politische Diskussion und Kämpfe eingebunden war. Sie wurde, nachdem sie sich 1943 laut in einem Café gegen die Nationalsozialisten geäußert hatte, verhaftet und nach Ravensbrück deportiert, wo sie am 29.Januar 1945 zu Tode kam.

Elisabeth Sievers
Geboren 27.06.1885, gestorben am 01.04.1942 in Ravensbrück Viel ist über Elisabeth Sievers nicht bekannt. Sie war aktive Sozialdemokratin und wurde aufgrund ihrer politischen Arbeit in das Frauen-KZ Ravensbrück deportiert, wo sie 1942 verstarb. Heute erinnert ein Kissenstein auf diesem Ehrengräberfeld.

Da das Frauenbild der Deutschen – ausgehend von seiner starken Prägung während des Nationalsozialismus – bis heute in Teilen eine gewisse Kontinuität aufweist, kommt der Erinnerung an Widerstandskämpferinnen besondere Bedeutung zu. Durch die Negation ihrer Namen, ihrer Persönlichkeiten und ihrer Widerstandsakte vollzieht sich Geschichtsrevisionismus, denn es wird unterschlagen, dass sie sich gegen den ihnen zugedachten Rollenstatus und gegen Herrschaftsnormen auflehnten.

Frauen sind keine „Frau, Freundin, Verlobte von…“! Frauen sind eigenständig denkende und agierende, politische Subjekte! Widerstandskämpferinnen mischten sich politisch ein, übernahmen Verantwortung und versuchten ihre und die Zukunft anderer aktiv und emanzipatorisch zu gestalten!

Gerade in der Gegenwart sollten sie uns daran erinnern, dass wir als Feminist*innen uns weder mit dem normativen Zustand der Gesellschaft zufrieden geben, noch dass wir dem Rollenklischee der AfD, anderer rechtspopulistischer Organisationen, rechter Bündnisse, aber auch dem rechst-konservativen Mainstream nicht entsprechen und uns seiner mysogenen, sexistischen, homophoben, antisemitischen, rassistischen Ideologie niemals unterwerfen werden!

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A very feminist new year ! http://fia.blogsport.de/2018/12/31/a-very-feminist-new-year/ http://fia.blogsport.de/2018/12/31/a-very-feminist-new-year/#comments Mon, 31 Dec 2018 13:48:18 +0000 Administrator AllgemeinFoto http://fia.blogsport.de/2018/12/31/a-very-feminist-new-year/

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Zur Durchsuchung des Langen August http://fia.blogsport.de/2018/07/09/zur-durchsuchung-des-langen-august/ http://fia.blogsport.de/2018/07/09/zur-durchsuchung-des-langen-august/#comments Mon, 09 Jul 2018 07:03:05 +0000 Administrator AllgemeinDortmundRepression http://fia.blogsport.de/2018/07/09/zur-durchsuchung-des-langen-august/ Mehrere Räume im Kulturzentrum Langer August in der Dortmunder Nordstadt – in dem auch das Frauen*-Internationalismus-Archiv einen Raum hat, deshalb hier die folgende gemeinsame Erklärung – sind am 4. Juli von schwer bewaffneter Polizei gestürmt worden. Das eigentliche Ziel der Durchsuchung war ein Server im Wissenschaftsladen Dortmund e.V. In dem Kulturzentrum, das nach einem Widerstandskämpfer, der in der Nähe wohnte und im spanischen Bürgerkrieg getötet wurde, benannt ist, befinden sich viele Initiativen.

Am Mittwoch den 04. Juli 2018 drangen gegen 19 Uhr mit Maschinenpistolen bewaffnete Uniformierte in das Kulturzentrum Langer August in der Dortmunder Nordstadt ein und hielten die dort Anwesenden mehrere Stunden fest. Sie führten einen Durchsuchungsbefehl mit, der sich auf die Räume des Wissenschaftsladen Dortmund e.V. (WiLaDo) in der 3. Etage bezog. Dessen ungeachtet wurde mit Ausnahme weniger Räume der gesamte Lange August durchsucht.

Den Durchsuchungsbefehl hatte das LKA Köln erwirkt, aber die Aussicht, mal ein soziokulturelles Zentrum von innen zu sehen, hat die Dortmunder Polizei vermutlich zum Trittbrettfahren auf dieser „Maßnahme“ animiert. Ziel des LKA war die Sicherstellung eines im WiLaDo befindlichen Servers. Dabei haben die Eindringlinge fünf Türen zerstört, davon drei im WiLaDo. Für die Vollendung dieser Verwüstung wurde auch noch die Feuerwehr bemüht, um die Sicherheitstür zum Serverraum aus den Angeln zu heben. Es wurde nicht versucht, mit dem WiLaDo Kontakt aufzunehmen, um die Schäden zu vermeiden. Der Zutritt zum Langen August und zum WiLaDo wurde Vorstandsmitgliedern, die zum Ort der „Maßnahme“ geeilt waren, verwehrt. Ebenso der Anwältin des WiLaDo.

Entwendet wurde aus dem WiLaDo schließlich ein Servergehäuse, in dem sich mehrere (stromsparende) kleine Server befanden, darunter das Zielobjekt der LKA-„Maßnahme“. Dadurch, dass die „Besucher“ trotz stundenlanger, abgeschirmter Betätigung im WiLaDo das Objekt ihrer Begierde offenbar nicht genau ausmachen konnten, sind durch die unnötige Mitnahme von nicht mit „der Sache“ zusammenhängender Hardware weitere unnötige Schäden entstanden. Einem Dienst von FREE! wurde dadurch die Hardware entzogen, und die Website des Radiosenders FSK abgeschaltet. Ob Letzteres einen Eingriff in die Pressefreiheit darstellt, wird zu prüfen sein.

Obwohl die Staatsgewalt vom Gericht lediglich beauftragt war einen Server sicher zu stellen, wurden darüber hinaus Ordner mit Vereinsunterlagen des Wilado, Kartons mit Flyern und Plakaten, zwei Laptops, eine externe Festplatte sowie ein Smartphone mitgenommen. Wir sind entsetzt über diese vollkommen unverhältnismäßige Maßnahme. Um Dokumente aus dem Netz zu entfernen, ist üblicherweise der Betreiber des Servers der erste Ansprechpartner. Dieser ist nicht im Langen August ansässig, sondern hat lediglich seinen Server im WiLaDo untergestellt. Auch der WiLaDo hätte den Server bzw. die IP einfach sperren können, sofern er denn über die problematischen Inhalte informiert worden wäre.

Stattdessen wurden die Besucher*innen des Langen August durch mit Maschinenpistolen bewaffnete Uniformierte eingeschüchtert, über Stunden in den Räumen festgesetzt und Einrichtung im Wert von mehreren Tausend Euro durch sinnlose Gewalt zerstört.

Die angekündigten neuen Polizeigesetze sind noch gar nicht in Kraft. Sie sind aber offenbar auch gar nicht erforderlich, da sich diese sog. Ordnungshüter sowieso nicht daran halten werden. Dies mussten wir zumindest am 04.07.2018 im eigenen Haus erleben. Richterlich angeordnet war die Durchsuchung der Räume des WiLaDo – nicht des ganzen Hauses. Außerdem war die Beschlagnahme eines Servers angeordnet. Nicht angeordnet war die Mitnahme von weiteren Servern, diversen Vereinsunterlagen des WiLaDo und schon gar nicht von Dingen aus anderen Räumen im Haus.

Dieser Überfall auf den Langen August reiht sich ein in eine ganze Serie solcher Vorfälle. Am 20. Juni wurden beispielsweise die Wohnungen von Aktiven im Vorstand des Vereins Zwiebelfreunde in mehreren deutschen Städten mit einer höchst fragwürdigen Begründung „als Zeugen“ durchsucht und Computer und Datenträger beschlagnahmt. Auch der Augsburger Ableger des CCC im dortigen OpenLab musste eine Durchsuchung über sich ergehen lassen.

Wir sind besorgt über die zunehmende staatliche Gewalt gegenüber zivilgesellschaftlichen Einrichtungen. Wer sich ehrenamtlich und unabhängig organisiert scheint mittlerweile für die Staatsmacht automatisch verdächtig zu sein. Dies gilt insbesondere für Organisationen, die sich für eine selbstbestimmte Nutzung des Internet einsetzen. Wir werden gegen den Überfall vom 04.07.18 gerichtlich vorgehen. Auch wenn dies eine erhebliche finanzielle und personelle Belastung sein wird und eine Entscheidung erst in ein paar Jahren zu erwarten ist. Die wenigen vorhandenen Möglichkeiten zur Gegenwehr werden wir nutzen.

Dortmund, den 08.07.2018, die Gruppen im Langen August:
Chaostreff Dortmund e.V.
DFG-VK Landesverband NRW
Frauen*-Internationalismus-Archiv Dortmund
Langer August e.V.
Verein für Medienarbeit e.V.
VVN-BdA Dortmund
Wissenschaftsladen Dortmund e.V.

Zusammenstellungen von Presseberichten und Stellungnahmen finden sich bei systemausfall.org und bei LabourNet Germany .

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25 Jahre nach dem Brandanschlag von Solingen http://fia.blogsport.de/2018/05/24/25-jahre-nach-dem-brandanschlag-von-solingen/ http://fia.blogsport.de/2018/05/24/25-jahre-nach-dem-brandanschlag-von-solingen/#comments Thu, 24 May 2018 15:43:59 +0000 Administrator AllgemeinDemonstrationRassismus http://fia.blogsport.de/2018/05/24/25-jahre-nach-dem-brandanschlag-von-solingen/ Demonstrationsaufruf
Samstag 26. Mai 2018, 12 Uhr
Am Südpark (Solingen-Mitte):

Unutturmayacağız!
Niemals vergessen!

Am 29.5.1993 wur­den fünf Frauen und Mäd­chen mit tür­ki­scher Zuwan­de­rungs­ge­schichte bei einem rechts­ex­trem moti­vier­ten Brand­an­schlag ermor­det. Dies war kein iso­lier­ter Ein­zel­fall, diese Morde fie­len nicht vom Him­mel. In den Jah­ren zuvor wurde eine bis dahin seit dem Ende des NS-Ter­ror­sys­tems nicht mehr gekannte Hetz­kam­pa­gne gegen Geflüch­tete und Men­schen mit Zuwan­de­rungs­ge­schichte durch­ge­führt. In den Medien wurde unter der Parole „Das Boot ist voll!“ gegen „Aus­län­der“ gehetzt und von einer „Asy­lan­ten­flut“ hal­lu­zi­niert. CDU-Gene­ral­se­kre­tär Vol­ker Rühe star­tete am 12.9.1991 mit einem Rund­brief an alle CDU-Kreis­ver­bände eine eigene bun­des­weite Kam­pa­gne, um eine Ände­rung des Grund­ge­set­zes zu erzwin­gen. Hand­rei­chun­gen, wie man den Volks­zorn schürt, lie­ferte Rühe frei Haus: Mus­ter­ent­würfe für Rats­be­schlüsse und Pres­se­er­klä­run­gen zur Ent­wick­lung des „Unmuts“ gegen das Asyl­recht. Wei­tere Politiker*innen und viele Medien heiz­ten die Stim­mung mit Hetz­ar­ti­keln wei­ter an. So schlag­zeilte BILD „Fast jede Minute ein neuer Asy­lant – Die Flut steigt, wann sinkt das Boot?“ Ab dem 17.9.1991 wur­den in Hoyes­werda sie­ben Tage lang ras­sis­tisch moti­vierte Über­griffe gedul­det. Sie rich­te­ten sich gegen ein Flücht­lings­wohn­heim sowie gegen ein Wohn­heim viet­na­me­si­scher Vertragsarbeiter*innen, das der Mob in Brand setzte. Neo­na­zis fei­er­ten nach der Eva­ku­ie­rung der Ange­grif­fe­nen Hoyers­werda als erste „aus­län­der­freie Stadt“ Deutsch­lands. Dies war das Fanal zu einer Anschlags­welle: Zwi­schen 1991 und 1993 wur­den mehr als 4.700 rechts­ex­treme Über­griffe und Anschläge gezählt, bei denen 26 Men­schen getö­tet und fast 1.800 ver­letzt wur­den. In Ros­tock-Lich­ten­ha­gen konn­ten sich hun­dert Vietnames*innen nur mit Glück vor dem brand­stif­ten­den Mob ret­ten, der sie ab dem 22.8.1992 fünf Tage lang von der Poli­zei unge­stört bela­gerte. Am 23.11.1992 star­ben bei einem von Neo­na­zis ver­üb­ten Brand­an­schlag auf zwei Wohn­häu­ser in Mölln drei Men­schen mit tür­ki­scher Zuwan­de­rungs­ge­schichte, dar­un­ter zwei Kin­der.

Den Aufruf weiterlesen: Solingen 1993 – niemals vergessen

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Gute Vorsätze http://fia.blogsport.de/2018/01/02/gute-vorsaetze/ http://fia.blogsport.de/2018/01/02/gute-vorsaetze/#comments Tue, 02 Jan 2018 15:38:17 +0000 Administrator AllgemeinFoto http://fia.blogsport.de/2018/01/02/gute-vorsaetze/ happy new year • gutes neues jahr

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