Tag-Archiv für 'stigmatisierung'

Sexarbeit ist Arbeit. Respekt!

Morgen wird das Gesetz zur Regulierung des Prostitutionsgewerbes sowie zum Schutz von in der Prostitution tätigen Personen – das sogenannte Prostituiertenschutzgesetz (ProstSchG) – in Kraft treten. Dieser Name des Gesetzes ist eine orwellsche Irreführung (dem „Neusprech“ in Orwells Roman 1984 ähnlich): Sexarbeiter*innen sind zukünftig gezwungen, ihre Tätigkeit bei mehreren Behörden anzumelden. Bei ihrer Arbeit müssen sie dann einen Ausweis mit Foto bei sich führen, auf dem vermerkt ist, dass sie „Prostituierte“ sind. Dadurch werden Sexarbeiter*innen nicht geschützt, sondern stigmatisiert, kontrolliert und möglicherweise in Gefahr gebracht.

Deshalb wurde heute in einer bundesweiten Aktion in mehreren Städten gegen das Gesetz protestiert. Am 2. Juni, dem Internationalen Hurentag, startete ein Bündnis aus Sexarbeiter*innen, feministischen Aktivist*innen, Sozialarbeiter*innen und anderen Unterstützer*innen die Kampagne Sexarbeit ist Arbeit. Respekt! Das Bündnis setzt sich für die Abschaffung des ‚Prostituiertenschutzgesetzes‘ und anderer diskriminierenden und kriminalisierenden Gesetze gegen Sexarbeiter*innen ein.
(weiter…)

Straßensexarbeit: Dortmunds Berufsverbotsbezirk

Der Straßenstrich in Dortmund wurde im Mai 2011 geschlossen und das gesamte Stadtgebiet zum Sperrbezirk für die Straßenprostitution erklärt. Im März 2013 gab das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen einer Sexarbeiterin, die gegen den Verlust ihrer Existenzgrundlage geklagt hatte, Recht und entschied, Straßenprostitution müsse in Dortmund möglich bleiben. Statt sich danach mit Beteiligten und Interessenverbänden zusammenzusetzen und einen neuen Strichstandort einzurichten, ging die Stadt Dortmund in Berufung. Das Oberverwaltungsgericht Münster als nächste Instanz hat gestern die Klage der Sexarbeiterin abgewiesen und das Verbot durch die Stadt bestätigt.

Die Umgebung des früheren, seit über vier Jahren geschlossenen Straßenstrichs.

Richterlich begründet wurde die Entscheidung mit den Lebensverhältnissen anderswo in Europa und der (eventuell weiterhin drohenden) weiblichen Migration. „Die Lebensumstände in der bulgarischen Stadt Plovdiv haben sich nicht geändert“, erklärte Richterin Ricarda Brandts den Ruhr-Nachrichten zufolge.1 Trotz der europäischen Freizügigkeit wird in dieser Logik die Überschreitung der Staatsgrenze zur (mindestens) unerwünschten Tat. Die Begründung sei „höchst bemerkenswert“, so der lawblog. Weil die Zahl der Sexarbeiterinnen in dem Marktsegment stark zugenommen habe, hielte das Gericht „die Annahme für gerechtfertigt, ein solcher Straßenstrich werde egal an welcher Stelle immer auch schutzbedürftige Gebiete räumlich betreffen“2 – in der siebtgrößten Stadt der BRD. Der Rechtsanwalt der gegen das Verbot klagenden Sexarbeiterin wies darauf hin, dass das Interesse der Frauen* in den Erwägungen der Behörden keine Rolle spiele. Gegenüber Spiegel Online kündigte er an, in die nächste Instanz und damit vor das Bundesverwaltungsgericht ziehen zu wollen.3
(weiter…)

„Ein deutscher Skandal“ – der Appell gegen Prostitution

Am 17. Dezember, also in zwei Tagen, ist der Internationale Tag gegen Gewalt an Sexarbeiter_innen, an dem an vielen Orten weltweit wieder Veranstaltungen und Aktionen stattfinden werden (zu finden unter anderem hier oder hier ), die Kriminalisierung und Diskriminierung von Sexarbeiter_innen thematisieren. Hier folgt nun noch ein Kommentar zu dem „Appell gegen Prostitution“ von Alice Schwarzer – das Thema ist und bleibt aktuell, auch angesichts der Gesetzesvorhaben der Koalition von CDU/CSU und SPD, die sich absehbar in eine restriktivere Richtung bewegen werden.

Almost as soon as women began to migrate in great numbers …,
stories of ‚white slavery‘ began to circulate.1

Bereits vor Erscheinen ihres Buchs „Prostitution – ein deutscher Skandal“ im November richtete Alice Schwarzer in der Zeitschrift Emma einen Appell gegen Prostitution An die Bundeskanzlerin und den Bundestag. Sexarbeiter_innen des neu gegründeten Berufsverbands erotische und sexuelle Dienstleistungen reagierten mit einem (Gegen-)Appell FÜR Prostitution. Während dort betont wird: „Prostitution ist eine berufliche Tätigkeit, bei der sexuelle Dienstleistungen gegen Entgelt angeboten werden“, fallen im Emma-Appell Prostitution, Frauenhandel, Sklaverei („white slavery“) zusammen; Prostitution soll „abgeschafft“ werden.2 „Weiße Sklaverei“ ist auch der Titel eines Auszugs aus dem Buch von Alice Schwarzer, der Anfang November in der Wochenzeitung der Freitag erschien.3

White Slavery
Die Erzählung von der „weißen Sklaverei“ breitete sich um das Ende des 19. und den Anfang des 20. Jahrhunderts aus. Historiker_innen messen ihr angesichts weniger tatsächlicher Belege einen mythischen (gesellschaftserklärenden und -strukturierenden) Charakter bei und betrachten sie als „moralische Panik“ einer sich vor dem Hintergrund von Industrialisierung, Urbanisierung und zunehmender (weiblicher) Migration in die Städte und in andere Kontinente ändernden Gesellschaft. Die Erzählung handelte von Moral und auf das Sozial- und Sexualverhalten alleinstehender arbeitender (proletarischer) und migrierender Frauen gerichteten Befürchtungen; sie mündete in die Dichotomie des weißen Opfers, jung, naiv, unschuldig, dessen Gegenseite ein als Anderer konstruierter Täter (nicht-weiß, immigriert, …) wurde. Sie hob auf die besondere Verletzlichkeit weißer Frauen ab und beinhaltete, dass ihre Versklavung als anders und schwerwiegender anzusehen wäre als „schwarze Sklaverei“. Als Ressource für Reglementierungen entlang von gender, race und class führte sie zu internationalen Abkommen und Initiativen in europäischen und amerikanischen Staaten.4

Zum Beispiel: Im Januar 1910 verabschiedete der Kongress in den USA den „White Slave Traffic Act“ (nach seinem Urheber James R. Mann auch „Mann Act“ genannt), der die Verbringung von Frauen über Bundesstaatsgrenzen zu „unmoralischen Zwecken“ unter Strafe stellte. Das vorgeblich gegen (erzwungene) Prostitution gerichtete Gesetz schränkte die weibliche Bewegungsfreiheit zwischen Bundesstaaten ein und kriminalisierte unerwünschte einvernehmliche Beziehungen. Als eines der frühen prominenten Opfer dieses Gesetzes wurde 1913 Jack Johnson, der erste schwarze Boxweltmeister im Schwergewicht, für seine Beziehungen zu weißen Frauen verurteilt. 1914 bezogen sich über 70 % der Verurteilungen von Frauen auf ihren freiwilligen Transport für Prostitution oder andere unmoralischen Zwecke.5

Rassismus, Unmündigkeit und Regulationismus
Erschreckend im Schwarzer-Appell ist nicht nur in diesem Zusammenhang die begriffliche Ausbürgerung nicht nachweisbar biologisch deutscher Frauen*, indem der Text trennt zwischen „deutschstämmigen“ (!) Prostituierten und „Ausländerinnen“; die Letzten werden unmittelbar mit „Armuts- und Zwangsprostitution“ verbunden. Zudem bagatellisiert die inflationäre Verwendung des Begriffs der Sklaverei (= Prostitution) millionenfachen historischen Sklavenhandel und Sklaverei.

Parallelen drängen sich auf. Ein Aufsatz in der Zeitschrift Osteuropa spricht von einer „Abgrenzungskrise“, in der sich die europäischen Staaten seit dem Umbruch von 1989 befänden. „Sex-trafficking-Diskurse definieren und verorten diese Verletzungen der Souveränität mit Hilfe von geschlechtsspezifischen und rassistischen Zuschreibungen wie „hilflose weiße Opfer“, „dunkle Kriminalität“ und „eine verletzte politische Gemeinschaft“.6 Mit dem Begriff des Frauenhandels7, von Frau Schwarzer wiederum mit Prostitution in Eins gesetzt, wird die Staatsgrenze zum Tatort; die geschlechtlich zugeschriebene Rolle des eigentlich migrationsunwilligen Opfers lässt eine gegen die unregulierte (weibliche) Mobilität gerichtete Grenz- und Sicherheitspolitik gerechtfertigt erscheinen. Tatsächlich wird weibliche Migration – in prekarisierte Arbeitsbereiche und insbesondere zum Verkauf von Sex – öffentlich-medial häufig nicht als solche, sondern wesentlich unter der Prämisse des Menschenhandels behandelt.

Martina Löw und Renate Ruhne beschreiben für Frankfurt die Verdrängung der Sexarbeiter_innen aus dem Straßenbild als Prozess der „Verhäuslichung“, mit dem sich auch die Rolle und Wahrnehmung der Prostituierten, die in einem eher männlich konnotierten öffentlichen Raum handelten, zu einer passiveren wandelte. „In der Konsequenz geht es um die ‚Reinigung‘ des öffentlichen Raums von Handlungsformen und Symbolen, die mit Dreck, Vulgarität, Lasterhaftigkeit, Unanstand oder Faulheit assoziiert werden.“ Mit dem Verschwinden der „Straßenkultur der als Unterschicht wahrgenommenen Prostitutionsszene“ werde eine deutliche räumliche Grenze zu der „soliden Frau“ hergestellt.8

Im Schwarzer-Appell wird auch erklärtermaßen freiwilligen Sexarbeiterinnen (männliche Sexarbeit kommt nur am Rand vor, Trans-Sexarbeiter_innen überhaupt nicht) ein menschenwürdiges Leben abgesprochen; damit wird nicht nur in der ethnisierenden Konstruktion der „Dritte-Welt-Prostituierten“9 das Geschlechterbild der unmündigen Frau (re-)produziert. Zudem schließt der Appell die normative Erwartung an, dass sich „normale“ weibliche Sexualität ausschließlich auf die gesellschaftlich positiv sanktionierte, (immer noch vorzugsweise) heterosexuelle Liebe und Paarbeziehung richtet (in dem in der Wochenzeitung der Freitag veröffentlichten Auszug geht es dann endgültig um die heterosexuelle Ehe). Sexualität und Ökonomie („Käuflichkeit“) werden als in anderen Beziehungen unverbunden gesetzt; das sind sie selbstverständlich nicht (auch wenn dadurch nicht jede wirtschaftliche Beziehung gleich Sexarbeit wird). Die Aussagen, das „System Prostitution … überschattet die Gleichheit der Geschlechter“ und „brutalisiert das Begehren“ schaffen eine scheinbare gesellschaftliche Idylle, als wäre Gleichheit sonst hergestellt und psychische, physische, sexualisierte Gewalt jenseits von Sexarbeitsverhältnissen abwesend.

„Der Regulationismus“, stellt Laura María Agustín fest, „der sozialen Konflikt durch Legalisierung einiger Formen von Sexarbeit entschärfen will, konstruiert nicht-regulierte Formen als illegal (und gewährt den Arbeitenden selten Arbeitsrechte).“10 Die trotz des Prostitutionsgesetzes von 2002 weiterhin rigide Reglementierung trifft gerade die unter prekärsten Bedingungen Arbeitenden, häufig Migrant_innen, die mehrfach ausgeschlossen werden (aufgrund des Geschlechts, als „Ausländer_innen“ und „Prostituierte“). (weiter…)

Stigma tötet

Nach den Morden an zwei Sexarbeiter_innen, Dora Özer in der Türkei und Petite Jasmine in Schweden, sind letzten Freitag mit Aktionen in über 30 Städten weltweit viele dem Aufruf des ICRSE (Internationales Komitee für die Rechte von Sexarbeiter_innen in Europa) gefolgt, ein Ende von Stigmatisierung, Kriminalisierung und Gewalt zu fordern.

Die Pressemitteilung des ICRSE zu den Morden und den Protesten hier

Zwei Interviews zu den Morden auf Tits and Sass: The Bloody State Gave Him The Power: A Swedish Sex Worker’s Murder zu Petite Jasmine in Schweden hier und Both Transphobic and Whorephobic: The Murder of Dora Oezer zu Dora Özer in der Türkei hier

Eine Zusammenfassung der Proteste auf freitag.de hier

Vielfältige Diskriminierungen und Stigmatisierung, unter anderem bestimmt von Geschlechterverhältnissen und -vorstellungen, von Vorstellungen über Moral und Ordnung, prägen den Status von Sexarbeit. Durch marginalisierende Rahmenbedingungen begünstigte gewaltförmige Verhältnisse werden aber im öffentlichen Diskurs im Allgemeinen nicht als Resultate dieser Bedingungen betrachtet, sondern wiederum der Sexarbeit angelastet. Der Unterschied besteht darin, dass bei der Theoretisierung von Familienleben niemand aus politischen Gründen zu sagen versucht, dass alle Ehen als gewalttätig betrachtet werden sollten und alle verheirateten Frauen als Opfer behandelt werden sollten, nur weil es Gewalt gegen Frauen in der Familie gibt.1 Eine der beiden Sexarbeiter_innen, Jasmine in Schweden, war nach einem jahrelangen Sorgerechtsstreit von ihrem Ex-Ehemann erstochen worden.

  1. http://www.lauraagustin.com/sex-at-the-margins-reviewed-in-gender-development [zurück]

Dortmund muss neuen Straßenstrich einrichten

Gratulation !

…nicht zu einem Jahrestag oder ähnlichen Anlass, auch wenn es zeitlich nicht weit davon entfernt ist:

Ende März 2011 fasste der Rat der Stadt Dortmund den Beschluss, den Straßenstrich zu schließen und das gesamte Stadtgebiet zum Sperrbezirk zu erklären. Fast zwei Jahre danach hat nun am Donnerstag das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen entschieden, es sei „nicht vertretbar, dass Straßenprostitution in keinem Bereich möglich ist“. Die Klägerin, die vor der Strichschließung in Dortmund arbeitete, sah durch die Entscheidung der Stadt Dortmund ihre Existenz bedroht und hatte Erfolg. „Wir haben gewonnen“, rief eine der Frauen quer durch den Gerichtssaal – nur die Vertreter von Stadt und Bezirksregierung blieben ernst. Sie hatten alles versucht und extra noch den Leiter des Kriminalkommissariats 22 mitgebracht, der für Kontrollen im Rotlichtbereich verantwortlich ist.1

Das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen hat keine Berufung zugelassen. Leider wird die Gerichtsentscheidung wohl dennoch nicht schnell umgesetzt werden: Die Stadt Dortmund will nicht wie verlangt nach einem neuen Standort für die Sexarbeit auf der Straße suchen, sondern prüfen, ob sie juristisch gegen das Urteil vorgehen kann. Der damaligen Schließung des Straßenstrichs war eine monatelange Kampagne gegen Zuwanderer_innen aus Bulgarien und Rumänien vorangegangen und auch gestern warnte in der Lokalpresse unverzüglich ein Polizeisprecher, die Straßenprostitution ziehe auch Kriminelle an. Zurzeit arbeiten die vom Strich Vertriebenen teilweise illegalisiert in der Dortmunder Nordstadt weiter; der Grund für die Aufrechterhaltung prohibitiver Maßnahmen kann daher nicht der „Jugendschutz“ in Wohngebieten sein, auch wenn es die Stadt Dortmund gern behauptet. Vielmehr scheint das von Stigmatisierung und Repression geprägte Vertreibungskonzept gescheitert. „Wo bleibt das Menschenrecht, wo die Würde der Frauen?“, fragte eine Kollegin am Rande des Prozesses. Man habe auf der Straße zuletzt „Katz und Maus mit der Polizei“ gespielt.2

Europa gegen Sexarbeit und Migration

In vielen Ländern Europas bewegen sich allerdings Maßnahmen bedenklich in eine restriktive Richtung3 und sowohl in den Medien als auch auf europäischer Ebene wird Sexarbeit in Zusammenhang mit Migration häufig als „Menschenhandel“ qualifiziert. Bereits 2006 analysierten Bärbel Heide Uhl und Claudia Vorheyer die europäische „Bekämpfung des Menschenhandels“ als tatsächliches Vehikel für einen Ausbau staatlicher Sicherheitsapparate: „Die Sicherheit der Grenzen ist Hauptbestandteil der Risikobeschreibung, und die von Menschenhandel betroffenen Personen werden aus der Sicht der Zielländer als Risikoträger und potentielle Täter dargestellt. Demzufolge werden verschiedene Maßnahmen zur Verhinderung illegaler Grenzübertritte wie schärfere Grenzkontrollen und die Sammlung biometrischer Daten empfohlen…. Die politische und soziale Ausgrenzung durch Grenz- und Sicherheitspolitik scheinen erforderlich und werden legitimiert.“4
(weiter…)

17 December is

…the International Day to End Violence against Sex Workers.

Ursprünglich als Gedenktag für die Opfer des „Green River“-Mörders entstanden, die überwiegend Sexarbeiterinnen waren, hat sich der 17. Dezember mittlerweile als Tag gegen Gewalt gegen Sexarbeiter_innen etabliert, an dem die Bedeutung struktureller Ursachen der Gewalt, wie Kriminalisierung und Stigmatisierung von Sexarbeiter_innen oder eine restriktive Politik gegen weibliche Mobilität, ausdrücklich thematisiert werden. Um sichtbaren Widerstand gegen und Schutz vor Diskriminierung zu symbolisieren, protestieren Sexarbeiter_innen mit roten Regenschirmen.

Die Kriminalisierung von Sexarbeiterinnen und eine Zunahme von Gewalt gegen sie können allerdings hier immer noch als „Erfolg“ begrüßt werden. In Dortmund wurde Mitte Mai mit der Ausweitung des Sperrbezirks auf das gesamte Stadtgebiet die Straßenprostitution vollständig verboten. Vorausgegangen war eine monatelange Kampagne vorwiegend gegen bulgarische Zuwanderer_innen, die nach dem EU-Beitritt Rumäniens und Bulgariens 2007 zugezogen waren und allgemein als den Roma zugehörig betrachtet werden, auch wenn sie sich der türkischen Minderheit Bulgariens zurechnen. Während der von nicht nur antiziganistischen Untertönen getragenen Kampagne weiteten sich in osteuropäischen Ländern, zuletzt auch in Bulgarien, Ausschreitungen gegen Roma aus.

„Die Schließung des Straßenstrichs an der Ravensberger Straße war die richtige Entscheidung“, befanden am Donnerstag Dortmunds Oberbürgermeister Ullrich Sierau und der stellvertretende Polizeipräsident Ingolf Möhring unisono. Dementsprechend positiv fällt das Fazit von Stadt und Polizei ein halbes Jahr nach der Beschlussfassung im Rat (31. März) zur Schließung aus.1

Die von Politik, Polizei und Presse entworfenen Bedrohungsszenarien wurden bald als angeblicher Ursache den in die Sexarbeit migrierten Frauen zugeschrieben: „Besonderer Dorn im Auge der Polizei und einiger Lokalpolitiker ist der Straßenstrich. Sie sind der Überzeugung, dass der Strich der Anziehungspunkt schlechthin ist.“2 Rassistische Äußerungen, Dortmund sei zur „Keimzelle einer neuen Dimension von Verbrechen“ geworden, die Nordstadt werde „Sammelbecken und Auffangstation für kriminelle Elemente und menschenverachtende Lebensformen von Randexistenzen aus ganz Europa“ oder „mit Multi-Kulti-Romantik“ ließe „sich dieser Kampf nicht gewinnen“, wurden Normalität in der Lokalpolitik.3 Beharrlich behaupten Medienberichte, die Zahl der Frauen sei „innerhalb kurzer Zeit“ von 60 auf 700 angestiegen, obwohl die Antwort auf eine Anfrage an die NRW-Landesregierung eine Zunahme der „insgesamt festgestellten Prostituierten“ „von ca. 250 im Jahr 2004 auf insgesamt 535 im Jahr 2010“4 festhielt. Etwa 60 Frauen arbeiteten täglich auf dem Straßenstrich.

Bereits im Vorfeld der Erweiterung des Sperrbezirks auf das gesamte Stadtgebiet wurde eine „Ermittlungskommission Rotlicht“ installiert und Mitte Mai richtete das Polizeipräsidium Dortmund eine „gesamtbehördliche Besondere Aufbauorganisation“ ein, „welche die Verzahnung sämtlicher beteiligter Dienststellen … gewährleistet“. Eine „Task-Force“ aus Ordnungskräften und Polizei überwacht das Stadtviertel: „Sieben Tage – fast rund um die Uhr – sollen sie vor allem in der Nordstadt unterwegs sein. In Uniform oder zivil, mit Autos, Motorrädern, Hunden und Pferden. Sie stellen Platzverweise aus und leiten Bußgeldverfahren ein gegen Straßenprostituierte und Freier.“5

Sollten gute Worte nicht ausreichen, wird es noch am Montag die ersten Bußgelder setzen. Straßenprostituierte, die erwischt werden, zahlen erst 200, dann 300 und beim dritten Mal 500 Euro. Beim vierten Mal machen sie Bekanntschaft mit der Strafprozessordnung.6

(weiter…)